Ein Königreich. Provinzen roter Wiesen

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Georg Heym: Ein Königreich. Provinzen roter Wiesen Titel entspricht 1. Vers(1899)

1
Ein Königreich. Provinzen roter Wiesen.
2
Ein Wärter, eine Peitsche, eine Kette.
3
So klappern wir in Nessel, Dorn und Klette
4
Durch wilder Himmel schreckliche Devisen,

5
Die uns bedrohn mit den gezackten Flammen,
6
Mit großer Hieroglyphen roter Schrift.
7
Und unsrer Schlangenadern blaues Gift
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Zieht krampfhaft sich in unserm Kopf zusammen.

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Daß tausend Disteln unsere Beine schlagen,
10
Daß manchen Regenwürmchens Köpfchen knackt,
11
Zu unseres wilden Volks Bacchanten-Takt,
12
Wir hören's ferne nur in unsere Klagen.

13
Ein gläsern leichter Fuß ward uns gegeben,
14
Und Scharlachflügel wächst aus unserm Rücken.
15
So tanzen wir zum Krach der Scherben-Stücken,
16
Durch lauter Unrat feierlich zu schweben.

17
Welch göttlich schönes Spiel. Ein Meer von Feuer.
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Der ganze Himmel brennt. Wir sind allein,
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Halbgötter wir. Und unser haarig Bein
20
Springt nackt auf altem Steine im Gemäuer.

21
Verfallner Ort, versunken tief im Schutte,
22
Wo wie ein Königshaupt der Ginster schwankt,
23
Des goldner Arm nach unsern Knöcheln langt
24
Und lüstern fährt herauf in unsrer Kutte.

25
Wo eine alte Weide, dürr und stumm,
26
Mit Talismanen ihren Bauch behängt,
27
Vor unsrer Göttlichkeit die Arme senkt,
28
Und uns beschielt mit Augen, weiß und krumm.

29
Aus ihrem Loch springt eine alte Maus,
30
Verrückt wie wir. Ein goldner Schnabel blinkt
31
Am Himmelsrand. Ein leises Lied erklingt,
32
Ein Schwan zieht in das Feuer uns voraus.

33
O süßer Sterbeton, den wir geschlürft.
34
Breitschwingig flattert er im goldnen West,
35
Wo hoher Pappeln zitterndes Geäst
36
Auf unsere Stirnen Gitterschatten wirft.

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Die Sonne sinkt auf dunkelroter Bahn,
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In einer Wetterwolke klemmt sie fest.
39
Macht schnell und reißt aus seinem schwarzen Nest
40
Mit Zangen aus den goldnen Wolken-Zahn.

41
Hui. Er ist fort. Der dunkle Himmel sinkt
42
Voll Zorn herab in einen schwarzen Teich,
43
Des Abgrund droht, mit fahlen Wolken bleich,
44
Unheimlich, eine Nacht, die Unheil bringt.

45
Und eine Leiche wohnt im tiefen Grund,
46
Um die ein Aale-Volk geschmeidig hüpft.
47
Uralt, ein Fisch, der ein zum Ohre schlüpft
48
Und wieder ausfährt aus dem offnen Mund.

49
Ein Unke ruft. Ein blauer Wiedehopf
50
Meckert wie eine Ziege in dem Sumpf. –
51
Was werden eure Stirnen klein und dumpf,
52
Was sträubt sich euch der graue Narren-Schopf?

53
Ihr wollet Fürsten sein? Ich sehe Bestien nur,
54
Die weit die Nacht erschrecken mit Gebell.
55
Was flieht ihr mich? Die Arme flattern schnell,
56
Wie Gänsen an dem Messer der Tortur.

57
Ich bin allein im stummen Wetterland,
58
Ich, der Jerusalem vom Kreuz geschaut,
59
Jesus dereinst. Der nun den Brotranft kaut,
60
Den er im Staub verlorner Winkel fand.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Georg Heym
(18871912)

* 30.10.1887 in Jelenia Góra, † 16.01.1912 in Gatow

männlich, geb. Heym

Unfalltod | Ertrinken

deutscher Schriftsteller, Vertreter des frühen Expressionismus

(Aus: Wikidata.org)

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