Sie wandern durch die Nacht der Städte hin

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Georg Heym: Sie wandern durch die Nacht der Städte hin Titel entspricht 1. Vers(1899)

1
Sie wandern durch die Nacht der Städte hin,
2
Die schwarz sich ducken unter ihrem Fuß.
3
Wie Schifferbärte stehen um ihr Kinn
4
Die Wolken schwarz vom Rauch und Kohlenruß.

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Ihr langer Schatten schwankt im Häusermeer
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Und löscht der Straßen Lichterreihen aus.
7
Er kriecht wie Nebel auf dem Pflaster schwer
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Und tastet langsam vorwärts Haus für Haus.

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Den einen Fuß auf einen Platz gestellt,
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Den anderen gekniet auf einen Turm,
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Ragen sie auf, wo schwarz der Regen fällt,
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Panspfeifen blasend in den Wolkensturm.

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Um ihre Füße kreist das Ritornell
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Des Städtemeers mit trauriger Musik,
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Ein großes Sterbelied. Bald dumpf, bald grell
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Wechselt der Ton, der in das Dunkel stieg.

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Sie wandern an dem Strom, der schwarz und breit
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Wie ein Reptil, den Rücken gelb gefleckt
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Von den Laternen, in die Dunkelheit
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Sich traurig wälzt, die schwarz den Himmel deckt.

21
Sie lehnen schwer auf einer Brückenwand
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Und stecken ihre Hände in den Schwarm
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Der Menschen aus, wie Faune, die am Rand
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Der Sümpfe bohren in den Schlamm den Arm.

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Einer steht auf. Dem weißen Monde hängt
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Er eine schwarze Larve vor. Die Nacht,
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Die sich wie Blei vom finstern Himmel senkt,
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Drückt tief die Häuser in des Dunkels Schacht.

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Der Städte Schultern knacken. Und es birst
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Ein Dach, daraus ein rotes Feuer schwemmt.
31
Breitbeinig sitzen sie auf seinem First
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Und schrein wie Katzen auf zum Firmament.

33
In einer Stube voll von Finsternissen
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Schreit eine Wöchnerin in ihren Wehn.
35
Ihr starker Leib ragt riesig aus den Kissen,
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Um den herum die großen Teufel stehn.

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Sie hält sich zitternd an der Wehebank.
38
Das Zimmer schwankt um sie von ihrem Schrei,
39
Da kommt die Frucht. Ihr Schoß klafft rot und lang
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Und blutend reißt er von der Frucht entzwei.

41
Der Teufel Hälse wachsen wie Giraffen.
42
Das Kind hat keinen Kopf. Die Mutter hält
43
Es vor sich hin. In ihrem Rücken klaffen
44
Des Schrecks Froschfinger, wenn sie rückwärts fällt.

45
Doch die Dämonen wachsen riesengroß.
46
Ihr Schläfenhorn zerreißt den Himmel rot.
47
Erdbeben donnert durch der Städte Schoß
48
Um ihren Huf, den Feuer überloht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Georg Heym
(18871912)

* 30.10.1887 in Jelenia Góra, † 16.01.1912 in Gatow

männlich, geb. Heym

Unfalltod | Ertrinken

deutscher Schriftsteller, Vertreter des frühen Expressionismus

(Aus: Wikidata.org)

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