2.

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Georg Heym: 2. (1899)

1
Des Abends Trauer sinkt. Sie hocken stumpf
2
In ihrer Kissen Schatten. Und herein
3
Kriecht Wassernebel kalt. Sie hören dumpf
4
Durch ihren Saal der Qualen Litanein.

5
Das Fieber kriecht in ihren Lagern um,
6
Langsam, ein großer, gelblicher Polyp.
7
Sie schaun ihm zu, von dem Entsetzen stumm.
8
Und ihre Augen werden weiß und trüb.

9
Die Sonne quält sich auf dem Rand der Nacht.
10
Sie blähn die Nasen. Es wird furchtbar heiß.
11
Ein großes Feuer hat sie angefacht,
12
Wie eine Blase schwankt ihr roter Kreis.

13
Auf ihrem Dache sitzt ein Mann im Stuhl
14
Und droht den Kranken mit dem Eisenstab.
15
Darunter schaufeln in dem heißen Pfuhl
16
Die Nigger schon ihr tiefes, weißes Grab.

17
Die Leichenträger gehen durch die Reihen
18
Und reißen schnell die Toten aus dem Bett.
19
Die andern drehn sich nach der Wand mit Schreien
20
Der Angst, der Toten gräßlichem Valet.

21
Moskitos summen. Und die Luft beginnt
22
Vor Glut zu schmelzen. Wie ein roter Kropf
23
Schwillt auf ihr Hals, darinnen Lava rinnt.
24
Und wie ein Ball von Feuer dröhnt ihr Kopf.

25
Sie machen sich von ihren Hemden los
26
Und ihren Decken, die sie naß umziehn.
27
Ihr magrer Leib, bis auf den Nabel bloß,
28
Wiegt hin und her im Takt der Phantasien.

29
Das Floß des Todes steuert durch die Nacht
30
Heran durch Meere Schlamms und dunkles Moor.
31
Sie hören bang, wie seine Stange kracht
32
Lauthallend unten am Barackentor.

33
Zu einem Bette kommt das Sakrament.
34
Der Priester salbt dem Kranken Stirn und Mund.
35
Der Gaumen, der wie rotes Feuer brennt,
36
Würgt mühsam die Oblate in den Schlund.

37
Die Kranken horchen auf der Lagerstatt
38
Wie Kröten, von dem Lichte rot gefleckt.
39
Die Betten sind wie eine große Stadt,
40
Die eines schwarzen Himmels Rätsel deckt.

41
Der Priester singt. In grauser Parodie
42
Krähn sie die Worte nach in dem Gebet.
43
Sie lachen laut, die Freude schüttelt sie.
44
Sie halten sich den Bauch, den Lachen bläht.

45
Der Priester kniet sich an der Bettstatt Rand.
46
In das Brevier taucht er die Schultern ein.
47
Der Kranke setzt sich auf. In seiner Hand
48
Dreht er im Kreise einen spitzen Stein.

49
Er schwingt ihn hoch, haut zu. Ein breiter Riß
50
Klafft auf des Priesters Kopf, der rückwärts fällt.
51
Und es erfriert sein Schrei auf dem Gebiß,
52
Das er im Tode weit noch offen hält.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Georg Heym
(18871912)

* 30.10.1887 in Jelenia Góra, † 16.01.1912 in Gatow

männlich, geb. Heym

Unfalltod | Ertrinken

deutscher Schriftsteller, Vertreter des frühen Expressionismus

(Aus: Wikidata.org)

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