O weites Land des Sommers und der Winde

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Georg Heym: O weites Land des Sommers und der Winde Titel entspricht 1. Vers(1899)

1
O weites Land des Sommers und der Winde,
2
Der reinen Wolken, die dem Wind sich bieten.
3
Wo goldener Weizen reift und die Gebinde
4
Des gelben Roggens trocknen in den Mieten.

5
Die Erde dämmert von den Düften allen,
6
Von grünen Winden und des Mohnes Farben,
7
Des schwere Köpfe auf den Stielen fallen
8
Und weithin brennen aus den hohen Garben.

9
Des Feldwegs Brücke steigt im halben Bogen,
10
Wo helle Wellen weiße Kiesel feuchten.
11
Die Wassergräser werden fortgezogen,
12
Die in der Sonne aus dem Bache leuchten.

13
Die Brücke schwankt herauf die erste Fahne.
14
Sie flammt von Gold und Rot. Die Seidenquasten
15
Zu beiden Seiten halten Kastellane
16
Im alten Chorrock, dem von Staub verblaßten.

17
Man hört Gesang. Die jungen Priester kommen.
18
Barhäuptig gehen sie vor den Prälaten.
19
Zu Flöten schallt der Meßgesang. Die frommen
20
Und alten Lieder wandern durch die Saaten.

21
In weißen Kleidchen kommen Kinder singend.
22
Sie tragen kleine Kränze in den Haaren.
23
Und Knaben, runde Weihrauchkessel schwingend,
24
Im Spitzenrock und roten Festtalaren.

25
Die Kirchenbilder kommen auf Altären.
26
Mariens Wunden brennen hell im Licht.
27
Und Christus naht, von Blumen bunt, die wehren
28
Die Sonne von dem gelben Holzgesicht.

29
Im Baldachine glänzt des Bischofs Krone.
30
Er schreitet singend mit dem heiligen Schrein.
31
Der hohe Stimmenschall der Diakone
32
Fliegt weit hinaus durch Land und Felderreihn.

33
Der Truhen Glanz weht um die alte Tracht.
34
Die Kessel dampfen, drin die Kräuter kohlen.
35
Sie ziehen durch der weiten Felder Pracht,
36
Und matter glänzen die vergilbten Stolen.

37
Der Zug wird kleiner. Der Gesang verhallt.
38
Sie ziehn dahin, dem grünen Wald entgegen.
39
Er tut sich auf. Der Glanz verzieht im Wald,
40
Wo goldne Stille träumt auf dunklen Wegen.

41
Der Mittag kommt. Es schläft das weite Land,
42
Die tiefen Wege, wo die Schwalbe schweift,
43
Und eine Mühle steht am Himmelsrand,
44
Die ewig nach den weißen Wolken greift.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Georg Heym
(18871912)

* 30.10.1887 in Jelenia Góra, † 16.01.1912 in Gatow

männlich, geb. Heym

Unfalltod | Ertrinken

deutscher Schriftsteller, Vertreter des frühen Expressionismus

(Aus: Wikidata.org)

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