Mariae Verkündigung

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Rainer Maria Rilke: Mariae Verkündigung (1900)

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Nicht daß ein Engel eintrat (das erkenn),
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erschreckte sie. Sowenig andre, wenn
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ein Sonnenstrahl oder der Mond bei Nacht
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in ihrem Zimmer sich zu schaffen macht,
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auffahren –, pflegte sie an der Gestalt,
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in der ein Engel ging, sich zu entrüsten;
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sie ahnte kaum, daß dieser Aufenthalt
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mühsam für Engel ist. (O wenn wir wüßten,
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wie rein sie war. Hat eine Hirschkuh nicht,
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die, liegend, einmal sie im Wald eräugte,
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sich so in sie versehn, daß sich in ihr,
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ganz ohne Paarigen, das Einhorn zeugte,
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das Tier aus Licht, das reine Tier –.)
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Nicht, daß er eintrat, aber daß er dicht,
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der Engel, eines Jünglings Angesicht
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so zu ihr neigte; daß sein Blick und der,
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mit dem sie aufsah, so zusammenschlugen
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als wäre draußen plötzlich alles leer
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und, was Millionen schauten, trieben, trugen,
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hineingedrängt in sie: nur sie und er;
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Schaun und Geschautes, Aug und Augenweide
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sonst nirgends als an dieser Stelle –: sieh,
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dieses erschreckt. Und sie erschraken beide.

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Dann sang der Engel seine Melodie.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Rainer Maria Rilke
(18751926)

* 04.12.1875 in Prag, † 29.12.1926 in Montreux

männlich, geb. Rilke

natürliche Todesursache | Leukämie

österreichischer Lyriker, Erzähler, Übersetzer und Romancier (1875–1926)

(Aus: Wikidata.org)

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