Die Rosenschale

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Rainer Maria Rilke: Die Rosenschale (1900)

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Zornige sahst du flackern, sahst zwei Knaben
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zu einem Etwas sich zusammenballen,
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das Haß war und sich auf der Erde wälzte
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wie ein von Bienen überfallnes Tier;
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Schauspieler, aufgetürmte Übertreiber,
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rasende Pferde, die zusammenbrachen,
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den Blick wegwerfend, bläkend das Gebiß
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als schälte sich der Schädel aus dem Maule.

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Nun aber weißt du, wie sich das vergißt:
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denn vor dir steht die volle Rosenschale,
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die unvergeßlich ist und angefüllt
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mit jenem Äußersten von Sein und Neigen,
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Hinhalten, Niemals-Gebenkönnen, Dastehn,
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das unser sein mag: Äußerstes auch uns.

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Lautloses Leben, Aufgehn ohne Ende,
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Raum-brauchen ohne Raum von jenem Raum
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zu nehmen, den die Dinge rings verringern,
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fast nicht Umrissen-sein wie Ausgespartes
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und lauter Inneres, viel seltsam Zartes
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und Sich-bescheinendes – bis an den Rand:
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ist irgend etwas uns bekannt wie dies?

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Und dann wie dies: daß ein Gefühl entsteht,
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weil Blütenblätter Blütenblätter rühren?
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Und dies: daß eins sich aufschlägt wie ein Lid,
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und drunter liegen lauter Augenlider,
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geschlossene, als ob sie, zehnfach schlafend,
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zu dämpfen hätten eines Innern Sehkraft.
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Und dies vor allem: daß durch diese Blätter
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das Licht hindurch muß. Aus den tausend Himmeln
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filtern sie langsam jenen Tropfen Dunkel,
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in dessen Feuerschein das wirre Bündel
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der Staubgefäße sich erregt und aufbäumt.

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Und die Bewegung in den Rosen, sieh:
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Gebärden von so kleinem Ausschlagswinkel,
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daß sie unsichtbar blieben, liefen ihre
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Strahlen nicht auseinander in das Weltall.

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Sieh jene weiße, die sich selig aufschlug
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und dasteht in den großen offnen Blättern
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wie eine Venus aufrecht in der Muschel;
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und die errötende, die wie verwirrt
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nach einer kühlen sich hinüberwendet,
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und wie die kühle fühllos sich zurückzieht,
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und wie die kalte steht, in sich gehüllt,
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unter den offenen, die alles abtun.
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Und was sie abtun, wie das leicht und schwer,
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wie es ein Mantel, eine Last, ein Flügel
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und eine Maske sein kann, je nach dem,
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und

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Was können sie nicht sein: war jene gelbe,
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die hohl und offen daliegt, nicht die Schale
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von einer Frucht, darin dasselbe Gelb,
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gesammelter, orangeröter, Saft war?
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Und wars für diese schon zu viel, das Aufgehn,
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weil an der Luft ihr namenloses Rosa
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den bittern Nachgeschmack des Lila annahm?
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Und die batistene, ist sie kein Kleid,
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in dem noch zart und atemwarm das Hemd steckt,
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mit dem zugleich es abgeworfen wurde
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im Morgenschatten an dem alten Waldbad?
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Und diese hier, opalnes Porzellan,
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zerbrechlich, eine flache Chinatasse
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und angefüllt mit kleinen hellen Faltern, –
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und jene da, die nichts enthält als sich.

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Und sind nicht alle so, nur sich enthaltend,
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wenn Sich-enthalten heißt: die Welt da draußen
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und Wind und Regen und Geduld des Frühlings
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und Schuld und Unruh und vermummtes Schicksal
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und Dunkelheit der abendlichen Erde
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bis auf der Wolken Wandel, Flucht und Anflug,
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bis auf den vagen Einfluß ferner Sterne
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in eine Hand voll Innres zu verwandeln.

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Nun liegt es sorglos in den offnen Rosen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Rainer Maria Rilke
(18751926)

* 04.12.1875 in Prag, † 29.12.1926 in Montreux

männlich, geb. Rilke

natürliche Todesursache | Leukämie

österreichischer Lyriker, Erzähler, Übersetzer und Romancier (1875–1926)

(Aus: Wikidata.org)

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