Da plötzlich war der Bote unter ihnen

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Rainer Maria Rilke: Da plötzlich war der Bote unter ihnen Titel entspricht 1. Vers(1900)

1
Da plötzlich war der Bote unter ihnen,
2
hineingeworfen in das Überkochen
3
des Hochzeitsmahles wie ein neuer Zusatz.
4
Sie fühlten nicht, die Trinkenden, des Gottes
5
heimlichen Eintritt, welcher seine Gottheit
6
so an sich hielt wie einen nassen Mantel
7
und ihrer einer schien, der oder jener,
8
wie er so durchging. Aber plötzlich sah
9
mitten im Sprechen einer von den Gästen
10
den jungen Hausherrn oben an dem Tische
11
wie in die Höh gerissen, nicht mehr liegend,
12
und überall und mit dem ganzen Wesen
13
ein Fremdes spiegelnd, das ihn furchtbar ansprach.
14
Und gleich darauf, als klärte sich die Mischung,
15
war Stille; nur mit einem Satz am Boden
16
von trübem Lärm und einem Niederschlag
17
fallenden Lallens, schon verdorben riechend
18
nach dumpfem umgestandenen Gelächter.
19
Und da erkannten sie den schlanken Gott,
20
und wie er dastand, innerlich voll Sendung
21
und unerbittlich, – wußten sie es beinah.
22
Und doch, als es gesagt war, war es mehr
23
als alles Wissen, gar nicht zu begreifen.
24
Admet muß sterben. Wann? In dieser Stunde.

25
Der aber brach die Schale seines Schreckens
26
in Stücken ab und streckte seine Hände
27
heraus aus ihr, um mit dem Gott zu handeln.
28
Um Jahre, um ein einzig Jahr noch Jugend,
29
um Monate, um Wochen, um paar Tage,
30
ach, Tage nicht, um Nächte, nur um Eine,
31
um Eine Nacht, um diese nur: um die.
32
Der Gott verneinte, und da schrie er auf
33
und schrie's hinaus und hielt es nicht und schrie
34
wie seine Mutter aufschrie beim Gebären.

35
Und die trat zu ihm, eine alte Frau,
36
und auch der Vater kam, der alte Vater,
37
und beide standen, alt, veraltet, ratlos,
38
beim Schreienden, der plötzlich, wie noch nie
39
so nah, sie ansah, abbrach, schluckte, sagte:
40
Vater,
41
liegt dir denn viel daran an diesem Rest,
42
an diesem Satz, der dich beim Schlingen hindert?
43
Geh, gieß ihn weg. Und du, du alte Frau,
44
Matrone,
45
was tust du denn noch hier: du hast geboren.
46
Und beide hielt er sie wie Opfertiere
47
in Einem Griff. Auf einmal ließ er los
48
und stieß die Alten fort, voll Einfall, strahlend
49
und atemholend, rufend: Kreon, Kreon!
50
Und nichts als das; und nichts als diesen Namen.
51
Aber in seinem Antlitz stand das Andere,
52
das er nicht sagte, namenlos erwartend,
53
wie ers dem jungen Freunde, dem Geliebten,
54
erglühend hinhielt übern wirren Tisch.
55
Die Alten (stand da), siehst du, sind kein Loskauf,
56
sie sind verbraucht und schlecht und beinah wertlos,
57
du aber, du, in deiner ganzen Schönheit –

58
Da aber sah er seinen Freund nicht mehr.
59
Er blieb zurück, und das, was kam, war
60
ein wenig kleiner fast als er sie kannte
61
und leicht und traurig in dem bleichen Brautkleid.
62
Die andern alle sind nur ihre Gasse,
63
durch die sie kommt und kommt –: (gleich wird sie da sein
64
in seinen Armen, die sich schmerzhaft auftun).

65
Doch wie er wartet, spricht sie; nicht zu ihm.
66
Sie spricht zum Gotte, und der Gott vernimmt sie,
67
und alle hörens gleichsam erst im Gotte:

68
Ersatz kann keiner für ihn sein. Ich
69
Ich bin Ersatz. Denn keiner ist zu Ende
70
wie ich es bin. Was bleibt mir denn von dem
71
was ich hier war? Das
72
Hat sie dirs nicht gesagt, da sie dirs auftrug,
73
daß jenes Lager, das da drinnen wartet,
74
zur Unterwelt gehört? Ich nahm ja Abschied.
75
Abschied über Abschied.
76
Kein Sterbender nimmt mehr davon. Ich ging ja,
77
damit das Alles, unter Dem begraben
78
der jetzt mein Gatte ist, zergeht, sich auflöst –.
79
So führ mich hin: ich sterbe ja für ihn.

80
Und wie der Wind auf hoher See, der umspringt,
81
so trat der Gott fast wie zu einer Toten
82
und war auf einmal weit von ihrem Gatten,
83
dem er, versteckt in einem kleinen Zeichen,
84
die hundert Leben dieser Erde zuwarf.
85
Der stürzte taumelnd zu den beiden hin
86
und griff nach ihnen wie im Traum. Sie gingen
87
schon auf den Eingang zu, in dem die Frauen
88
verweint sich drängten. Aber einmal sah
89
er noch des Mädchens Antlitz, das sich wandte
90
mit einem Lächeln, hell wie eine Hoffnung,
91
die beinah ein Versprechen war: erwachsen
92
zurückzukommen aus dem tiefen Tode
93
zu ihm, dem Lebenden –

94
Da schlug er jäh
95
die Hände vors Gesicht, wie er so kniete,
96
um nichts zu sehen mehr nach diesem Lächeln.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Rainer Maria Rilke
(18751926)

* 04.12.1875 in Prag, † 29.12.1926 in Montreux

männlich, geb. Rilke

natürliche Todesursache | Leukämie

österreichischer Lyriker, Erzähler, Übersetzer und Romancier (1875–1926)

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.