Orpheus. Eurydike. Hermes

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Rainer Maria Rilke: Orpheus. Eurydike. Hermes (1900)

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Das war der Seelen wunderliches Bergwerk.
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Wie stille Silbererze gingen sie
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als Adern durch sein Dunkel. Zwischen Wurzeln
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entsprang das Blut, das fortgeht zu den Menschen,
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und schwer wie Porphyr sah es aus im Dunkel.
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Sonst war nichts Rotes.

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Felsen waren da
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und wesenlose Wälder. Brücken über Leeres
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und jener große graue blinde Teich,
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der über seinem fernen Grunde hing
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wie Regenhimmel über einer Landschaft.
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Und zwischen Wiesen, sanft und voller Langmut,
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erschien des einen Weges blasser Streifen,
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wie eine lange Bleiche hingelegt.

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Und dieses einen Weges kamen sie.

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Voran der schlanke Mann im blauen Mantel,
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der stumm und ungeduldig vor sich aussah.
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Ohne zu kauen fraß sein Schritt den Weg
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in großen Bissen; seine Hände hingen
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schwer und verschlossen aus dem Fall der Falten
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und wußten nicht mehr von der leichten Leier,
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die in die Linke eingewachsen war
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wie Rosenranken in den Ast des Ölbaums.
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Und seine Sinne waren wie entzweit:
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indes der Blick ihm wie ein Hund vorauslief,
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umkehrte, kam und immer wieder weit
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und wartend an der nächsten Wendung stand, –
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blieb sein Gehör wie ein Geruch zurück.
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Manchmal erschien es ihm als reichte es
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bis an das Gehen jener beiden andern,
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die folgen sollten diesen ganzen Aufstieg.
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Dann wieder wars nur seines Steigens Nachklang
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und seines Mantels Wind was hinter ihm war.
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Er aber sagte sich, sie kämen doch;
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sagte es laut und hörte sich verhallen.
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Sie kämen doch, nur wärens zwei
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die furchtbar leise gingen. Dürfte er
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sich einmal wenden (wäre das Zurückschaun
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nicht die Zersetzung dieses ganzen Werkes,
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das erst vollbracht wird), müßte er sie sehen,
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die beiden Leisen, die ihm schweigend nachgehn:

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Den Gott des Ganges und der weiten Botschaft,
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die Reisehaube über hellen Augen,
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den schlanken Stab hertragend vor dem Leibe
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und flügelschlagend an den Fußgelenken;
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und seiner linken Hand gegeben:

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Die So-geliebte, daß aus einer Leier
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mehr Klage kam als je aus Klagefrauen;
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daß eine Welt aus Klage ward, in der
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alles noch einmal da war: Wald und Tal
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und Weg und Ortschaft, Feld und Fluß und Tier;
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und daß um diese Klage-Welt, ganz so
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wie um die andre Erde, eine Sonne
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und ein gestirnter stiller Himmel ging,
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ein Klage-Himmel mit entstellten Sternen – :
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Diese So-geliebte.

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Sie aber ging an jenes Gottes Hand,
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den Schritt beschränkt von langen Leichenbändern,
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unsicher, sanft und ohne Ungeduld.
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Sie war in sich, wie Eine hoher Hoffnung,
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und dachte nicht des Mannes, der voranging,
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und nicht des Weges, der ins Leben aufstieg.
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Sie war in sich. Und ihr Gestorbensein
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erfüllte sie wie Fülle.
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Wie eine Frucht von Süßigkeit und Dunkel,
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so war sie voll von ihrem großen Tode,
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der also neu war, daß sie nichts begriff.

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Sie war in einem neuen Mädchentum
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und unberührbar; ihr Geschlecht war zu
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wie eine junge Blume gegen Abend,
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und ihre Hände waren der Vermählung
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so sehr entwöhnt, daß selbst des leichten Gottes
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unendlich leise, leitende Berührung
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sie kränkte wie zu sehr Vertraulichkeit.

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Sie war schon nicht mehr diese blonde Frau,
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die in des Dichters Liedern manchmal anklang,
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nicht mehr des breiten Bettes Duft und Eiland
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und jenes Mannes Eigentum nicht mehr.

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Sie war schon aufgelöst wie langes Haar
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und hingegeben wie gefallner Regen
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und ausgeteilt wie hundertfacher Vorrat.

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Sie war schon Wurzel.

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Und als plötzlich jäh
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der Gott sie anhielt und mit Schmerz im Ausruf
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die Worte sprach: Er hat sich umgewendet –,
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begriff sie nichts und sagte leise:

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Fern aber, dunkel vor dem klaren Ausgang,
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stand irgend jemand, dessen Angesicht
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nicht zu erkennen war. Er stand und sah,
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wie auf dem Streifen eines Wiesenpfades
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mit trauervollem Blick der Gott der Botschaft
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sich schweigend wandte, der Gestalt zu folgen,
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die schon zurückging dieses selben Weges,
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den Schritt beschränkt von langen Leichenbändern,
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unsicher, sanft und ohne Ungeduld.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Rainer Maria Rilke
(18751926)

* 04.12.1875 in Prag, † 29.12.1926 in Montreux

männlich, geb. Rilke

natürliche Todesursache | Leukämie

österreichischer Lyriker, Erzähler, Übersetzer und Romancier (1875–1926)

(Aus: Wikidata.org)

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