Die Marien-Prozession

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Rainer Maria Rilke: Die Marien-Prozession (1900)

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Aus allen Türmen stürzt sich, Fluß um Fluß,
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hinwallendes Metall in solchen Massen
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als sollte drunten in der Form der Gassen
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ein blanker Tag erstehn aus Bronzeguß,

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an dessen Rand, gehämmert und erhaben,
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zu sehen ist der buntgebundne Zug
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der leichten Mädchen und der neuen Knaben,
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und wie er Wellen schlug und trieb und trug,
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hinabgehalten von dem ungewissen
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Gewicht der Fahnen und von Hindernissen
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gehemmt, unsichtbar wie die Hand des Herrn;

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und drüben plötzlich beinah mitgerissen
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vom Aufstieg aufgescheuchter Räucherbecken,
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die fliegend, alle sieben, wie im Schrecken
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an ihren Silberketten zerrn.

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Die Böschung Schauender umschließt die Schiene,
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in der das alles stockt und rauscht und rollt:
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das Kommende, das Chryselephantine,
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aus dem sich zu Balkonen Baldachine
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aufbäumen, schwankend im Behang von Gold.

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Und sie erkennen über all dem Weißen,
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getragen und im spanischen Gewand,
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das alte Standbild mit dem kleinen heißen
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Gesichte und dem Kinde auf der Hand
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und knieen hin, je mehr es naht und naht,
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in seiner Krone ahnungslos veraltend
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und immer noch das Segnen hölzern haltend
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aus dem sich groß gebärdenden Brokat.

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Da aber wie es an den Hingeknieten
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vorüberkommt, die scheu von unten schaun,
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da scheint es seinen Trägern zu gebieten
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mit einem Hochziehn seiner Augenbraun,
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hochmütig, ungehalten und bestimmt:
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so daß sie staunen, stehn und überlegen
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und schließlich zögernd gehn. Sie aber nimmt,

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in sich die Schritte dieses ganzen Stromes
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und geht, allein, wie auf erkannten Wegen
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dem Glockendonnern des großoffnen Domes
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auf hundert Schultern frauenhaft entgegen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Rainer Maria Rilke
(18751926)

* 04.12.1875 in Prag, † 29.12.1926 in Montreux

männlich, geb. Rilke

natürliche Todesursache | Leukämie

österreichischer Lyriker, Erzähler, Übersetzer und Romancier (1875–1926)

(Aus: Wikidata.org)

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