Requiem

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Rainer Maria Rilke: Requiem (1900)

1
Seit einer Stunde ist um ein Ding mehr
2
auf Erden. Mehr um einen Kranz.
3
Vor einer Weile war das leichtes Laub... Ich wands:
4
Und jetzt ist dieser Efeu seltsam schwer
5
und so von Dunkel voll, als tränke er
6
aus meinen Dingen zukünftige Nächte.
7
Jetzt graut mir fast vor dieser nächsten Nacht,
8
allein mit diesem Kranz, den ich gemacht,
9
nicht ahnend, daß da etwas wird,
10
wenn sich die Ranken ründen um den Reifen;
11
ganz nur bedürftig, dieses zu begreifen:
12
in nie betretene Gedanken, darinnen wunderliche Dinge stehn,
13
die ich schon einmal gesehen haben muß...

14
Gretel, von allem Anbeginn
15
war dir bestimmt, sehr zeitig zu sterben,
16
blond zu sterben.
17
Lange schon, eh dir zu leben bestimmt war.
18
Darum stellte der Herr eine Schwester vor dich
19
und dann einen Bruder,
20
damit vor dir wären zwei Nahe, zwei Reine,
21
welche das Sterben dir zeigten,
22
das deine:
23
dein Sterben.
24
Deine Geschwister wurden erfunden,
25
nur, damit du dich dran gewöhntest,
26
und dich an zweien Sterbestunden
27
mit der dritten versöhntest,
28
die dir seit Jahrtausenden droht.
29
Für deinen Tod
30
sind Leben erstanden;
31
Hände, welche Blüten banden,
32
Blicke, welche die Rosen rot
33
und die Menschen mächtig empfanden,
34
hat man gebildet und wieder vernichtet
35
und hat zweimal das Sterben
36
eh es, gegen dich selbst gerichtet,
37
aus der verloschenen Bühne trat.

38
... Nahte es dir schrecklich, geliebte Gespielin?
39
war es dein Feind?
40
Hast du dich ihm ans Herz geweint?
41
Hat es dich aus den heißen Kissen
42
in die flackernde Nacht gerissen,
43
in der niemand schlief im ganzen Haus...?
44
Wie sah es aus?
45
Du mußt es wissen...
46
Du bist dazu in die Heimat gereist.
47
– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –
48
Du weißt
49
wie die Mandeln blühn
50
und daß Seeen blau sind.
51
Viele Dinge, die nur im Gefühle der Frau sind
52
welche die erste Liebe erfuhr, –
53
weißt du. Dir flüsterte die Natur
54
in des Südens spätdämmernden Tagen
55
so unendliche Schönheit ein,
56
wie sonst nur selige Lippen sie sagen
57
seliger Menschen, die zu zwein
58
leiser hast du das alles gespürt, –
59
(o wie hat das unendlich Grimme
60
deine unendliche Demut berührt).
61
Deine Briefe kamen von Süden,
62
warm noch von Sonne, aber verwaist, –
63
endlich bist du selbst deinen müden
64
bittenden Briefen nachgereist;
65
denn du warst nicht gerne im Glanze,
66
jede Farbe lag auf dir wie Schuld,
67
und du lebtest in Ungeduld,
68
denn du wußtest: das ist nicht
69
Leben ist nur ein Teil......... Wovon?
70
Leben ist nur ein Ton......... Worin?
71
Leben hat Sinn nur, verbunden mit vielen
72
Kreisen des weithin wachsenden Raumes, –
73
Leben ist so nur der Traum eines Traumes,
74
aber Wachsein ist anderswo.
75
So ließest du's los.
76
Groß ließest du's los.
77
Und wir kannten dich klein.
78
Dein war so wenig: ein Lächeln, ein kleines,
79
ein bißchen melancholisch schon immer,
80
sehr sanftes Haar und ein kleines Zimmer,
81
das dir seit dem Tode der Schwester weitwar.
82
Als ob alles andere nur dein Kleid war
83
so scheint es mir jetzt, du stilles Gespiel.
84
Aber
85
wenn du am Abend kamst in den Saal;
86
wußten manchmal: jetzt müßte man beten;
87
eine Menge ist eingetreten,
88
eine Menge, welche dir nachgeht,
89
weil du den Weg weißt.
90
Und du hast ihn wissen gemußt
91
und hast ihn gewußt
92
gestern... jüngste der Schwestern.

93
Sieh her,
94
dieser Kranz ist so schwer.
95
Und sie werden ihn auf dich legen,
96
diesen schweren Kranz.
97
Kanns dein Sarg aushalten?
98
Wenn er bricht
99
unter dem schwarzen Gewicht,
100
kriecht in die Falten
101
von deinem Kleid
102
Efeu.
103
Weit rankt er hinauf,
104
rings rankt er dich um,
105
und der Saft, der sich in seinen Ranken bewegt,
106
regt dich auf mit seinem Geräusch;
107
so keusch bist du.
108
Aber du bist nichtmehr zu.
109
Langgedehnt bist du und laß.
110
Deines Leibes Türen sind angelehnt,
111
und naß
112
tritt der Efeu ein...
113
– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –
114
von Nonnen,
115
die sich führen
116
an schwarzem Seil,
117
weil es dunkel ist in dir, du Bronnen.
118
In den leeren Gängen
119
deines Blutes drängen sie zu deinem Herzen;
120
wo sonst deine sanften Schmerzen
121
sich begegneten mit bleichen
122
in das Herz, das, ganz verklungen,

123
Aber dieser Kranz ist schwer
124
mir im Licht,
125
nur unter Lebenden, hier bei mir;
126
und sein Gewicht
127
ist nicht mehr
128
wenn ich ihn, zu dir legen werde.
129
Er ist schwer von meinen Augen, die daran hängen,
130
schwer von den Gängen,
131
die ich um ihn getan;
132
Ängste aller, welche ihn sahn,
133
haften daran.
134
Nimm ihn zu dir, denn er ist dein
135
seit er ganz fertig ist.
136
Nimm ihn von mir.
137
Laß mich allein! Er ist wie ein Gast...
138
fast schäm ich mich seiner.
139
Hast du auch Furcht, Gretel?

140
Du kannst nicht mehr gehn?
141
Kannst nicht mehr bei mir in der Stube stehn?
142
Tun dir die Füße weh?
143
So bleib wo jetzt alle beisammen sind,
144
man wird ihn dir morgen bringen, mein Kind,
145
durch die entlaubte Allee.
146
Man wird ihn dir bringen, warte getrost, –
147
man bringt dir morgen noch mehr.
148
Wenn es auch morgen tobt und tost,
149
das schadet den Blumen nicht sehr.
150
Man wird sie dir bringen. Du hast das Recht,
151
sie sicher zu haben, mein Kind,
152
und wenn sie auch morgen schwarz und schlecht
153
und lange vergangen sind.
154
Sei deshalb nicht bange. Du wirst nicht mehr
155
unterscheiden, was steigt oder sinkt;
156
die Farben sind zu und die Töne sind leer,
157
und du wirst auch gar nicht mehr wissen, wer
158
dir alle die Blumen bringt.

159
Jetzt weißt du
160
so oft wir's im Dunkel erfaßt;
161
von dem, was du
162
zu etwas, was du
163
Unter uns warst du von kleiner Gestalt,
164
vielleicht bist du jetzt ein erwachsener Wald
165
mit Winden und Stimmen im Laub. –
166
Glaub mir, Gespiel, dir geschah nicht Gewalt:
167
alt dein Leben begann;
168
drum griff er es an,

169
............................................
170
Schwebte etwas um mich?
171
Trat Nachtwind herein?
172
Ich bebte nicht.
173
Ich bin stark und allein. –
174
Was hab ich heute geschafft?
175
....Efeulaub holt ich am Abend und wands
176
und bog es zusammen, bis es ganz gehorchte.
177
Noch glänzt es mit schwarzem Glanz.
178
Und meine Kraft
179
kreist in dem Kranz.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Rainer Maria Rilke
(18751926)

* 04.12.1875 in Prag, † 29.12.1926 in Montreux

männlich, geb. Rilke

natürliche Todesursache | Leukämie

österreichischer Lyriker, Erzähler, Übersetzer und Romancier (1875–1926)

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.