1
Seit einer Stunde ist um ein Ding mehr
2
auf Erden. Mehr um einen Kranz.
3
Vor einer Weile war das leichtes Laub... Ich wands:
4
Und jetzt ist dieser Efeu seltsam schwer
5
und so von Dunkel voll, als tränke er
6
aus meinen Dingen zukünftige Nächte.
7
Jetzt graut mir fast vor dieser nächsten Nacht,
8
allein mit diesem Kranz, den ich gemacht,
9
nicht ahnend, daß da etwas wird,
10
wenn sich die Ranken ründen um den Reifen;
11
ganz nur bedürftig, dieses zu begreifen:
12
in nie betretene Gedanken, darinnen wunderliche Dinge stehn,
13
die ich schon einmal gesehen haben muß...
14
Gretel, von allem Anbeginn
15
war dir bestimmt, sehr zeitig zu sterben,
17
Lange schon, eh dir zu leben bestimmt war.
18
Darum stellte der Herr eine Schwester vor dich
20
damit vor dir wären zwei Nahe, zwei Reine,
21
welche das Sterben dir zeigten,
24
Deine Geschwister wurden erfunden,
25
nur, damit du dich dran gewöhntest,
26
und dich an zweien Sterbestunden
27
mit der dritten versöhntest,
28
die dir seit Jahrtausenden droht.
31
Hände, welche Blüten banden,
32
Blicke, welche die Rosen rot
33
und die Menschen mächtig empfanden,
34
hat man gebildet und wieder vernichtet
35
und hat zweimal das Sterben
36
eh es, gegen dich selbst gerichtet,
37
aus der verloschenen Bühne trat.
38
... Nahte es dir schrecklich, geliebte Gespielin?
40
Hast du dich ihm ans Herz geweint?
41
Hat es dich aus den heißen Kissen
42
in die flackernde Nacht gerissen,
43
in der niemand schlief im ganzen Haus...?
46
Du bist dazu in die Heimat gereist.
47
– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –
50
und daß Seeen blau sind.
51
Viele Dinge, die nur im Gefühle der Frau sind
52
welche die erste Liebe erfuhr, –
53
weißt du. Dir flüsterte die Natur
54
in des Südens spätdämmernden Tagen
55
so unendliche Schönheit ein,
56
wie sonst nur selige Lippen sie sagen
57
seliger Menschen, die zu zwein
58
leiser hast du das alles gespürt, –
59
(o wie hat das unendlich Grimme
60
deine unendliche Demut berührt).
61
Deine Briefe kamen von Süden,
62
warm noch von Sonne, aber verwaist, –
63
endlich bist du selbst deinen müden
64
bittenden Briefen nachgereist;
65
denn du warst nicht gerne im Glanze,
66
jede Farbe lag auf dir wie Schuld,
67
und du lebtest in Ungeduld,
68
denn du wußtest: das ist nicht
69
Leben ist nur ein Teil......... Wovon?
70
Leben ist nur ein Ton......... Worin?
71
Leben hat Sinn nur, verbunden mit vielen
72
Kreisen des weithin wachsenden Raumes, –
73
Leben ist so nur der Traum eines Traumes,
74
aber Wachsein ist anderswo.
77
Und wir kannten dich klein.
78
Dein war so wenig: ein Lächeln, ein kleines,
79
ein bißchen melancholisch schon immer,
80
sehr sanftes Haar und ein kleines Zimmer,
81
das dir seit dem Tode der Schwester weitwar.
82
Als ob alles andere nur dein Kleid war
83
so scheint es mir jetzt, du stilles Gespiel.
85
wenn du am Abend kamst in den Saal;
86
wußten manchmal: jetzt müßte man beten;
87
eine Menge ist eingetreten,
88
eine Menge, welche dir nachgeht,
90
Und du hast ihn wissen gemußt
92
gestern... jüngste der Schwestern.
94
dieser Kranz ist so schwer.
95
Und sie werden ihn auf dich legen,
97
Kanns dein Sarg aushalten?
99
unter dem schwarzen Gewicht,
104
rings rankt er dich um,
105
und der Saft, der sich in seinen Ranken bewegt,
106
regt dich auf mit seinem Geräusch;
108
Aber du bist nichtmehr zu.
109
Langgedehnt bist du und laß.
110
Deines Leibes Türen sind angelehnt,
113
– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –
117
weil es dunkel ist in dir, du Bronnen.
119
deines Blutes drängen sie zu deinem Herzen;
120
wo sonst deine sanften Schmerzen
121
sich begegneten mit bleichen
122
in das Herz, das, ganz verklungen,
123
Aber dieser Kranz ist schwer
125
nur unter Lebenden, hier bei mir;
128
wenn ich ihn, zu dir legen werde.
129
Er ist schwer von meinen Augen, die daran hängen,
130
schwer von den Gängen,
132
Ängste aller, welche ihn sahn,
134
Nimm ihn zu dir, denn er ist dein
135
seit er ganz fertig ist.
137
Laß mich allein! Er ist wie ein Gast...
138
fast schäm ich mich seiner.
139
Hast du auch Furcht, Gretel?
140
Du kannst nicht mehr gehn?
141
Kannst nicht mehr bei mir in der Stube stehn?
143
So bleib wo jetzt alle beisammen sind,
144
man wird ihn dir morgen bringen, mein Kind,
145
durch die entlaubte Allee.
146
Man wird ihn dir bringen, warte getrost, –
147
man bringt dir morgen noch mehr.
148
Wenn es auch morgen tobt und tost,
149
das schadet den Blumen nicht sehr.
150
Man wird sie dir bringen. Du hast das Recht,
151
sie sicher zu haben, mein Kind,
152
und wenn sie auch morgen schwarz und schlecht
153
und lange vergangen sind.
154
Sei deshalb nicht bange. Du wirst nicht mehr
155
unterscheiden, was steigt oder sinkt;
156
die Farben sind zu und die Töne sind leer,
157
und du wirst auch gar nicht mehr wissen, wer
158
dir alle die Blumen bringt.