Fragmente aus verlorenen Tagen

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Rainer Maria Rilke: Fragmente aus verlorenen Tagen (1900)

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....Wie Vögel, welche sich gewöhnt ans Gehn
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und immer schwerer werden, wie im Fallen:
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die Erde saugt aus ihren langen Krallen
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die mutige Erinnerung von allen
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den großen Dingen, welche hoch geschehn,
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und macht sie fast zu Blättern, die sich dicht
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am Boden halten, –
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wie Gewächse, die,
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kaum aufwärts wachsend, in die Erde kriechen,
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in schwarzen Schollen unlebendig licht
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und weich und feucht versinken und versiechen, –
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wie irre Kinder, – wie ein Angesicht
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in einem Sarg, – wie frohe Hände, welche
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unschlüssig werden, weil im vollen Kelche
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sich Dinge spiegeln, die nicht nahe sind, –
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wie Hülferufe, die im Abendwind
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begegnen vielen dunklen großen Glocken, –
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wie Zimmerblumen, die seit Tagen trocken,
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wie Gassen, die verrufen sind, – wie Locken,
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darinnen Edelsteine blind geworden sind, –
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wie Morgen im April
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vor allen vielen Fenstern des Spitales:
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die Kranken drängen sich am Saum des Saales
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und schaun: die Gnade eines frühen Strahles
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macht alle Gassen frühlinglich und weit;
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sie sehen nur die helle Herrlichkeit,
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welche die Häuser jung und lachend macht,
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und wissen nicht, daß schon die ganze Nacht
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ein Sturm die Kleider von den Himmeln reißt,
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ein Sturm von Wassern, wo die Welt noch eist,
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ein Sturm, der jetzt noch durch die Gassen braust
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und der den Dingen alle Bürde
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von ihren Schultern nimmt, –
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daß Etwas draußen groß ist und ergrimmt,
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daß draußen die Gewalt geht, eine Faust,
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die jeden von den Kranken würgen würde
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inmitten dieses Glanzes, dem sie glauben. –
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...... Wie lange Nächte in verwelkten Lauben,
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die schon zerrissen sind auf allen Seiten
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und viel zu weit, um noch mit einem Zweiten,
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den man sehr liebt, zusammen drin zu weinen, –
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wie nackte Mädchen, kommend über Steine,
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wie Trunkene in einem Birkenhaine, –
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wie Worte, welche nichts Bestimmtes meinen
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und dennoch gehn, ins Ohr hineingehn, weiter
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ins Hirn und heimlich auf der Nervenleiter
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durch alle Glieder Sprung um Sprung versuchen, –
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wie Greise, welche ihr Geschlecht verfluchen
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und dann versterben, so daß keiner je
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abwenden könnte das verhängte Weh,
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wie volle Rosen, künstlich aufgezogen
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im blauen Treibhaus, wo die Lüfte logen,
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und dann vom Übermut in großem Bogen
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hinausgestreut in den verwehten Schnee, –
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wie eine Erde, die nicht kreisen kann,
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weil zuviel Tote ihr Gefühl beschweren,
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wie ein erschlagener verscharrter Mann,
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dem sich die Hände gegen Wurzeln wehren, –
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wie eine von den hohen, schlanken, roten
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Hochsommerblumen, welche unerlöst
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ganz plötzlich stirbt im Lieblingswind der Wiesen,
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weil ihre Wurzel unten an Türkisen
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im Ohrgehänge einer Toten
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stößt....

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Und mancher Tage Stunden waren
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Als formte wer mein Abbild irgendwo,
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um es mit Nadeln langsam zu mißhandeln.
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Ich spürte jede Spitze seiner Spiele,
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und war, als ob ein Regen auf mich fiele,
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in welchem alle Dinge sich verwandeln.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Rainer Maria Rilke
(18751926)

* 04.12.1875 in Prag, † 29.12.1926 in Montreux

männlich, geb. Rilke

natürliche Todesursache | Leukämie

österreichischer Lyriker, Erzähler, Übersetzer und Romancier (1875–1926)

(Aus: Wikidata.org)

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