Es ist die Stunde, da das Reich sich eitel

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Rainer Maria Rilke: Es ist die Stunde, da das Reich sich eitel Titel entspricht 1. Vers(1900)

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Es ist die Stunde, da das Reich sich eitel
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in seines Glanzes vielen Spiegeln sieht.

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Der blasse Zar, des Stammes letztes Glied,
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träumt auf dem Thron, davor das Fest geschieht,
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und leise zittert sein beschämter Scheitel
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und seine Hand, die vor den Purpurlehnen
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mit einem unbestimmten Sehnen
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ins wirre Ungewisse flieht.

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Und um sein Schweigen neigen sich Bojaren
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in blanken Panzern und in Pantherfellen,
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wie viele fremde fürstliche Gefahren,
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die ihn mit stummer Ungeduld umstellen.
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Tief in den Saal schlägt ihre Ehrfurcht Wellen.

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Und sie gedenken eines andern Zaren,
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der oft mit Worten, die aus Wahnsinn waren,
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ihnen die Stirnen an die Steine stieß.
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Und denken also weiter:
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nicht so viel Raum, wenn er zu Throne saß,
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auf dem verwelkten Samt des Kissens leer.

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Er war der Dinge dunkles Maß,
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und die Bojaren wußten lang nicht mehr,
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daß rot der Sitz des Sessels sei, so schwer
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lag sein Gewand und wurde golden breit.

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Und weiter denken sie: das Kaiserkleid
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schläft auf den Schultern dieses Knaben ein.
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Obgleich im ganzen Saal die Fackeln flacken,
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sind bleich die Perlen, die in sieben Reihn,
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wie weiße Kinder, knien um seinen Nacken,
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und die Rubine an den Ärmelzacken,
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die einst Pokale waren, klar von Wein,
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sind schwarz wie Schlacken –

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Und ihr Denken schwillt.

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Es drängt sich heftig an den blassen Kaiser,
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auf dessen Haupt die Krone immer leiser
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und dem der Wille immer fremder wird;
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er lächelt. Lauter prüfen ihn die Preiser,
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ihr Neigen nähert sich, sie schmeicheln heiser. –
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und eine Klinge hat im Traum geklirrt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Rainer Maria Rilke
(18751926)

* 04.12.1875 in Prag, † 29.12.1926 in Montreux

männlich, geb. Rilke

natürliche Todesursache | Leukämie

österreichischer Lyriker, Erzähler, Übersetzer und Romancier (1875–1926)

(Aus: Wikidata.org)

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