Der Sohn

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Rainer Maria Rilke: Der Sohn (1900)

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Mein Vater war ein verbannter
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König von überm Meer.
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Ihm kam einmal ein Gesandter:
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sein Mantel war ein Panther,
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und sein Schwert war schwer.

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Mein Vater war wie immer
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ohne Helm und Hermelin;
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es dunkelte das Zimmer
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wie immer arm um ihn.
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Es zitterten seine Hände
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und waren blaß und leer, –
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in bilderlose Wände
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blicklos schaute er.

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Die Mutter ging im Garten
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und wandelte weiß im Grün,
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und wollte den Wind erwarten
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vor dem Abendglühn.
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Ich träumte, sie würde mich rufen,
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aber sie ging allein, –
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ließ mich vom Rande der Stufen
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horchen verhallenden Hufen
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und ins Haus hinein:

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Vater! Der fremde Gesandte...?
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Der reitet wieder im Wind...
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Was wollte der? Er erkannte
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dein blondes Haar, mein Kind.
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Vater! Wie war er gekleidet!
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Wie der Mantel von ihm floß!
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Geschmiedet und geschmeidet
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war Schulter, Brust und Roß.
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Er war eine Stimme im Stahle,
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er war ein Mann aus Nacht, –
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aber er hat eine schmale
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Krone mitgebracht.
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Sie klang bei jedem Schritte
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an sein sehr schweres Schwert,
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die Perle in ihrer Mitte
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ist viele Leben wert.
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Vom zornigen Ergreifen
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verbogen ist der Reifen,
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der oft gefallen war:
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es ist eine Kinderkrone, –
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denn Könige sind ohne;
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– gieb sie meinem Haar!
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Ich will sie manchmal tragen
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in Nächten, blaß vor Scham.
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Und will dir, Vater, sagen,
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woher der Gesandte kam.
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Was dort die Dinge gelten,
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ob steinern steht die Stadt,
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oder ob man in Zelten
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mich erwartet hat.

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Mein Vater war ein Gekränkter
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und kannte nur wenig Ruh.
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Er hörte mir mit verhängter
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Stirne nächtelang zu.
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Mir lag im Haar der Ring.
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Und ich sprach ganz nahe und sachte,
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daß die Mutter nicht erwachte, –
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die an dasselbe dachte,
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wenn sie, ganz weiß gelassen,
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vor abendlichen Massen
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durch dunkle Garten ging.

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... So wurden wir verträumte Geiger,
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die leise aus den Türen treten,
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um auszuschauen, eh sie beten,
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ob nicht ein Nachbar sie belauscht.
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Die erst, wenn alle sich zerstreuten,
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hinter dem letzten Abendläuten,
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die Lieder spielen, hinter denen
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(wie Wald im Wind hinter Fontänen)
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der dunkle Geigenkasten rauscht.
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Denn dann nur sind die Stimmen gut,
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wenn Schweigsamkeiten sie begleiten,
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wenn hinter dem Gespräch der Saiten
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Geräusche bleiben wie von Blut;
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und bang und sinnlos sind die Zeiten,
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wenn hinter ihren Eitelkeiten
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nicht etwas waltet, welches ruht.

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Geduld: es kreist der leise Zeiger,
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und was verheißen ward, wird sein:
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Wir sind die Flüstrer vor dem Schweiger,
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wir sind die Wiesen vor dem Hain;
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in ihnen geht noch dunkles Summen –
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(viel Stimmen sind und doch kein Chor)
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und sie bereiten auf die stummen
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tiefen heiligen Haine vor...

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Rainer Maria Rilke
(18751926)

* 04.12.1875 in Prag, † 29.12.1926 in Montreux

männlich, geb. Rilke

natürliche Todesursache | Leukämie

österreichischer Lyriker, Erzähler, Übersetzer und Romancier (1875–1926)

(Aus: Wikidata.org)

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