Das jüngste Gericht

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Rainer Maria Rilke: Das jüngste Gericht (1900)

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Sie werden Alle wie aus einem Bade
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aus ihren mürben Grüften auferstehn;
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denn alle glauben an das Wiedersehn,
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und furchtbar ist ihr Glauben, ohne Gnade.

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Sprich leise, Gott! Es könnte einer meinen,
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daß die Posaune deiner Reiche rief;
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und ihrem Ton ist keine Tiefe tief:
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da steigen alle Zeiten aus den Steinen,
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und alle die Verschollenen erscheinen
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in welken Leinen, brüchigen Gebeinen
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und von der Schwere ihrer Schollen schief.
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Das wird ein wunderliches Wiederkehren
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in eine wunderliche Heimat sein;
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auch die dich niemals kannten, werden schrein
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und deine Größe wie ein Recht begehren:
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wie Brot und Wein.

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Allschauender, du kennst das wilde Bild,
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das ich in meinem Dunkel zitternd dichte.
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Durch dich kommt Alles, denn du bist das Tor, –
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und Alles war in deinem Angesichte,
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eh es in unserm sich verlor.
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Du kennst das Bild vom riesigen Gerichte:

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Ein Morgen ist es, doch aus einem Lichte,
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das deine reife Liebe nie erschuf,
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ein Rauschen ist es, nicht aus deinem Ruf,
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ein Zittern, nicht von göttlichem Verzichte,
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ein Schwanken, nicht in deinem Gleichgewichte.
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Ein Rascheln ist und ein Zusammenraffen
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in allen den geborstenen Gebäuden,
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ein Sichentgelten und ein Sichvergeuden,
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ein Sichbegatten und ein Sichbegaffen,
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und ein Betasten aller alten Freuden
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und aller Lüste welke Wiederkehr.
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Und über Kirchen, die wie Wunden klaffen,
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ziehn schwarze Vögel, die du nie erschaffen,
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in irren Zügen hin und her.

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So ringen sie, die lange Ausgeruhten,
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und packen sich mit ihren nackten Zähnen
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und werden bange, weil sie nicht mehr bluten,
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und suchen, wo die Augenbecher gähnen,
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mit kalten Fingern nach den toten Tränen.
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Und werden müde. Wenige Minuten
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nach ihrem Morgen bricht ihr Abend ein.
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Sie werden ernst und lassen sich allein
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und sind bereit, im Sturme aufzusteigen,
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wenn sich auf deiner Liebe heitrem Wein
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die dunklen Tropfen deines Zornes zeigen,
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um deinem Urteil nah zu sein.
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Und da beginnt es, nach dem großen Schrein:
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das übergroße fürchterliche Schweigen.

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Sie sitzen alle wie vor schwarzen Türen
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in einem Licht, das sie, wie mit Geschwüren,
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mit vielen grellen Flecken übersät.
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Und wachsend wird der Abend alt und spät.
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Und Nächte fallen dann in großen Stücken
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auf ihre Hände und auf ihren Rücken,
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der wankend sich mit schwarzer Last belädt.
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Sie warten lange. Ihre Schultern schwanken
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unter dem Drucke wie ein dunkles Meer,
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sie sitzen, wie versunken in Gedanken,
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und sind doch leer.
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Was stützen sie die Stirnen?
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Ihre Gehirne denken irgendwo
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tief in der Erde, eingefallen, faltig:
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Die ganze alte Erde denkt gewaltig,
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und ihre großen Bäume rauschen so.

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Allschauender, gedenkst du dieses bleichen
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Und bangen Bildes, das nicht seinesgleichen
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unter den Bildern deines Willens hat?
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Hast du nicht Angst vor dieser stummen Stadt,
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die, an dir hangend wie ein welkes Blatt,
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sich heben will zu deines Zornes Zeichen?
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O, greife allen Tagen in die Speichen,
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daß sie zu bald nicht diesem Ende nahen, –
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vielleicht gelingt es dir noch auszuweichen
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dem großen Schweigen, das wir beide sahen.
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Vielleicht kannst du noch einen aus uns heben,
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der diesem fürchterlichen Wiederleben
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den Sinn, die Sehnsucht und die Seele nimmt,
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einen, der bis in seinen Grund ergrimmt
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und dennoch froh, durch alle Dinge schwimmt,
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der Kräfte unbekümmerter Verbraucher,
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der sich auf allen Saiten geigt
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und unversehrt als unerkannter Taucher
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in alle Tode niedersteigt.
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..... Oder, wie hoffst du diesen Tag zu tragen,
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der länger ist als aller Tage Längen,
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mit seines Schweigens schrecklichen Gesängen,
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wenn dann die Engel dich, wie lauter Fragen,
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mit ihrem schauerlichen Flügelschlagen
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umdrängen?
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Sieh, wie sie zitternd in den Schwingen hängen
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und dir mit hunderttausend Augen klagen,
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und ihres sanften Liedes Stimmen wagen
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sich aus den vielen wirren Übergängen
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nicht mehr zu heben zu den klaren Klängen.
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Und wenn die Greise mit den breiten Bärten,
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die dich berieten bei den besten Siegen,
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nur leise ihre weißen Häupter wiegen,
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und wenn die Frauen, die den Sohn dir nährten,
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und die von ihm Verführten, die Gefährten,
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und alle Jungfraun, die sich ihm gewährten:
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die lichten Birken deiner dunklen Gärten, –
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wer soll dir helfen, wenn sie alle schwiegen?

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Und nur dein Sohn erhübe sich unter denen,
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welche sitzen um deinen Thron.
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Grübe sich deine Stimme dann in sein Herz?
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Sagte dein einsamer Schmerz dann:
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Sohn!
110
Suchtest du dann das Angesicht
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dessen, der das Gericht gerufen,
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dein Gericht und deinen Thron:
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Sohn!
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Hießest du, Vater, dann deinen Erben,
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leise begleitet von Magdalenen,
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niedersteigen zu jenen,
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die sich sehnen, wieder zu sterben?

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Das wäre dein letzter Königserlaß,
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die letzte Huld und der letzte Haß.
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Aber dann käme Alles zu Ruh:
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der Himmel und das Gericht und du.
122
Alle Gewänder des Rätsels der Welt,
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das sich so lange verschleiert hält,
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fallen mit dieser Spange.
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.... Doch mir ist bange....

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Allschauender, sieh, wie mir bange ist,
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miß meine Qual!
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Mir ist bange, daß du schon lange vergangen bist.
129
Als du zum erstenmal
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in deinem Alleserfassen
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das Bild dieses blassen
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Gerichtes sahst,
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dem du dich hülflos nahst, Allschauender.
134
Bist du damals entflohn?
135
Wohin?
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Vertrauender
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kann keiner dir kommen
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als ich,
139
der ich dich
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nicht um Lohn
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verraten will wie alle die Frommen.
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Ich will nur, weil ich verborgen bin
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und müde wie du, noch müder vielleicht,
144
und weil meine Angst vor dem großen Gericht
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deiner gleicht,
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will ich mich dicht,
147
Gesicht bei Gesicht,
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an dich heften;
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mit einigen Kräften
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werden wir wehren dem großen Rade,
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über welches die mächtigen Wasser gehn,
152
die rauschen und schnauben –
153
denn: wehe, sie werden auferstehn.
154
So ist ihr Glauben: groß und ohne Gnade.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Rainer Maria Rilke
(18751926)

* 04.12.1875 in Prag, † 29.12.1926 in Montreux

männlich, geb. Rilke

natürliche Todesursache | Leukämie

österreichischer Lyriker, Erzähler, Übersetzer und Romancier (1875–1926)

(Aus: Wikidata.org)

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