In der Certosa

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Rainer Maria Rilke: In der Certosa (1900)

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Ein jeder aus der weißen Bruderschaft
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vertraut sich pflanzend seinem kleinen Garten.
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Auf jedem Beete steht, wer jeder sei.
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Und Einer harrt in heimlichen Hoffahrten,
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daß ihm im Mai
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die ungestümen Blüten offenbarten
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ein Bild von seiner unterdrückten Kraft.

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Und seine Hände halten, wie erschlafft,
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sein braunes Haupt, das schwer ist von den Säften,
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die ungeduldig durch das Dunkel rollen,
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und sein Gewand, das faltig, voll und wollen,
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zu seinen Füßen fließt, ist stramm gestrafft
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um seinen Armen, die, gleich starken Schäften,
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die Hände tragen, welche träumen sollen.

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Kein Miserere und kein Kyrie
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will seine junge, runde Stimme ziehn,
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vor keinem Fluche will sie fliehn:
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sie ist kein Reh.
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Sie ist ein Roß und bäumt sich im Gebiß,
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und über Hürde, Hang und Hindernis
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will sie ihn tragen, weit und weggewiß,
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ganz ohne Sattel will sie tragen ihn.

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Er aber sitzt, und unter den Gedanken
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zerbrechen fast die breiten Handgelenke,
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so schwer wird ihm der Sinn und immer schwerer.

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Der Abend kommt, der sanfte Wiederkehrer,
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ein Wind beginnt, die Wege werden leerer,
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und Schatten sammeln sich im Talgesenke.

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Und wie ein Kahn, der an der Kette schwankt,
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so wird der Garten ungewiß und hangt
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wie windgewiegt auf lauter Dämmerung.
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Wer löst ihn los?...

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Der Frate ist so jung,
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und langelang ist seine Mutter tot.
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Er weiß von ihr: sie nannten sie
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sie war ein Glas, ganz zart und klar. Man bot
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es einem, der es nach dem Trunk zerschlug
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wie einen Krug.

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So ist der Vater.
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Und er hat sein Brot
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als Meister in den roten Marmorbrüchen.
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Und jede Wöchnerin in Pietrabianca
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hat Furcht, daß er des Nachts mit seinen Flüchen
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vorbei an ihrem Fenster kommt und droht.

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Sein Sohn, den er der Donna Dolorosa
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geweiht in einer Stunde wilder Not,
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sinnt im Arkadenhofe der Certosa,
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sinnt, wie umrauscht von rötlichen Gerüchen:
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denn seine Blumen blühen alle rot.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Rainer Maria Rilke
(18751926)

* 04.12.1875 in Prag, † 29.12.1926 in Montreux

männlich, geb. Rilke

natürliche Todesursache | Leukämie

österreichischer Lyriker, Erzähler, Übersetzer und Romancier (1875–1926)

(Aus: Wikidata.org)

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