Das Buch von der Pilgerschaft

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Rainer Maria Rilke: Das Buch von der Pilgerschaft (1901)

1
Dich wundert nicht des Sturmes Wucht, –
2
du hast ihn wachsen sehn; –
3
die Bäume flüchten. Ihre Flucht
4
schafft schreitende Alleen.
5
Da weißt du, der vor dem sie fliehn
6
ist der, zu dem du gehst,
7
und deine Sinne singen ihn,
8
wenn du am Fenster stehst.

9
Des Sommers Wochen standen still,
10
es stieg der Bäume Blut;
11
jetzt fühlst du, daß es fallen will
12
in den der Alles tut.
13
Du glaubtest schon erkannt die Kraft,
14
als du die Frucht erfaßt,
15
jetzt wird sie wieder rätselhaft,
16
und du bist wieder Gast.

17
Der Sommer war so wie dein Haus,
18
drin weißt du alles stehn –
19
jetzt mußt du in dein Herz hinaus
20
wie in die Ebene gehn.
21
Die große Einsamkeit beginnt,
22
die Tage werden taub,
23
aus deinen Sinnen nimmt der Wind
24
die Welt wie welkes Laub.

25
Durch ihre leeren Zweige sieht
26
der Himmel, den du hast;
27
sei Erde jetzt und Abendlied
28
und Land, darauf er paßt.
29
Demütig sei jetzt wie ein Ding,
30
zu Wirklichkeit gereift, –
31
daß Der, von dem die Kunde ging,
32
dich fühlt, wenn er dich greift.

33
Ich bete wieder, du Erlauchter,
34
du hörst mich wieder durch den Wind,
35
weil meine Tiefen niegebrauchter
36
rauschender Worte mächtig sind.

37
Ich war zerstreut; an Widersacher
38
in Stücken war verteilt mein Ich.
39
O Gott, mich lachten alle Lacher
40
und alle Trinker tranken mich.

41
In Höfen hab ich mich gesammelt
42
aus Abfall und aus altem Glas,
43
mit halbem Mund dich angestammelt,
44
dich, Ewiger aus Ebenmaß.
45
Wie hob ich meine halben Hände
46
zu dir in namenlosem Flehn,
47
daß ich die Augen wiederfände,
48
mit denen ich dich angesehn.

49
Ich war ein Haus nach einem Brand,
50
darin nur Mörder manchmal schlafen,
51
eh ihre hungerigen Strafen
52
sie weiterjagen in das Land;
53
ich war wie eine Stadt am Meer,
54
wenn eine Seuche sie bedrängte,
55
die sich wie eine Leiche schwer
56
den Kindern an die Hände hängte.

57
Ich war mir fremd wie irgendwer,
58
und wußte nur von ihm, daß er
59
einst meine junge Mutter kränkte
60
als sie mich trug,
61
und daß ihr Herz, das eingeengte,
62
sehr schmerzhaft an mein Keimen schlug.

63
Jetzt bin ich wieder aufgebaut
64
aus allen Stücken meiner Schande,
65
und sehne mich nach einem Bande,
66
nach einem einigen Verstande,
67
der mich wie
68
nach deines Herzens großen Händen –
69
(o kämen sie doch auf mich zu).
70
Ich zähle mich, mein Gott, und du,
71
du hast das Recht, mich zu verschwenden.

72
Ich bin derselbe noch, der kniete
73
vor dir in mönchischem Gewand:
74
der tiefe, dienende Levite,
75
den du erfüllt, der dich erfand.
76
Die Stimme einer stillen Zelle,
77
an der die Welt vorüberweht, –
78
und du bist immer noch die Welle
79
die über alle Dinge geht.

80
Es
81
aus dem die Länder manchmal steigen.
82
Es
83
von schönen Engeln und von Geigen,
84
und der Verschwiegene ist der,
85
zu dem sich alle Dinge neigen,
86
von seiner Stärke Strahlen schwer.

87
Bist du denn Alles, – ich der Eine,
88
der sich ergiebt und sich empört?
89
Bin ich denn nicht das Allgemeine,
90
bin ich nicht
91
und du der Eine, der es hört?
92
Hörst du denn etwas neben mir?
93
Sind da noch Stimmen außer meiner?
94
Ist da ein Sturm? Auch ich bin einer,
95
und meine Wälder winken dir.

96
Ist da ein Lied, ein krankes, kleines,
97
das dich am Micherhören stört, –
98
auch ich bin eines, höre meines,
99
das einsam ist und unerhört.

100
Ich bin derselbe noch, der bange
101
dich manchmal fragte, wer du seist.
102
Nach jedem Sonnenuntergange
103
bin ich verwundet und verwaist,
104
ein blasser Allem Abgelöster
105
und ein Verschmähter jeder Schar,
106
und alle Dinge stehn wie Klöster,
107
in denen ich gefangen war.
108
Dann brauch ich dich, du Eingeweihter,
109
du sanfter Nachbar jeder Not,
110
du meines Leidens leiser Zweiter,
111
du Gott, dann brauch ich dich wie Brot.
112
Du weißt vielleicht nicht, wie die Nächte
113
für Menschen, die nicht schlafen, sind:
114
da sind sie alle Ungerechte,
115
der Greis, die Jungfrau und das Kind.
116
Sie fahren auf wie totgesagt,
117
von schwarzen Dingen nah umgeben,
118
und ihre weißen Hände beben,
119
verwoben in ein wildes Leben
120
wie Hunde in ein Bild der Jagd.
121
Vergangenes steht noch bevor,
122
und in der Zukunft liegen Leichen,
123
ein Mann im Mantel pocht am Tor,
124
und mit dem Auge und dem Ohr
125
ist noch kein erstes Morgenzeichen,
126
kein Hahnruf ist noch zu erreichen.
127
Die Nacht ist wie ein großes Haus.
128
Und mit der Angst der wunden Hände
129
reißen sie Türen in die Wände, –
130
dann kommen Gänge ohne Ende,
131
und nirgends ist ein Tor hinaus.

132
Und so, mein Gott, ist
133
immer sind welche aufgewacht,
134
die gehn und gehn und dich nicht finden.
135
Hörst du sie mit dem Schritt von Blinden
136
das Dunkel treten?
137
Auf Treppen, die sich niederwinden,
138
hörst du sie beten?
139
Hörst du sie fallen auf den schwarzen Steinen?
140
Du mußt sie weinen hören; denn sie weinen.
141
Ich suche dich, weil sie vorübergehn
142
an meiner Tür. Ich kann sie beinah sehn.
143
Wen soll ich rufen, wenn nicht
144
der dunkel ist und nächtiger als Nacht.
145
Den Einzigen, der ohne Lampe wacht
146
und doch nicht bangt; den Tiefen, den das Licht
147
noch nicht verwöhnt hat und von dem ich weiß,
148
weil er mit Bäumen aus der Erde bricht
149
und weil er leis
150
als Duft in mein gesenktes Angesicht
151
aus Erde steigt.

152
Du Ewiger, du hast dich mir gezeigt.
153
Ich liebe dich wie einen lieben Sohn,
154
der mich einmal verlassen hat als Kind,
155
weil ihn das Schicksal rief auf einen Thron,
156
vor dem die Länder alle Täler sind.
157
Ich bin zurück geblieben wie ein Greis,
158
der seinen großen Sohn nichtmehr versteht
159
und wenig von den neuen Dingen weiß,
160
zu welchen seines Samens Wille geht.
161
Ich bebe manchmal für dein tiefes Glück,
162
das auf so vielen fremden Schiffen fährt,
163
ich wünsche manchmal dich in mich zurück,
164
in dieses Dunkel, das dich großgenährt.
165
Ich bange manchmal, daß du nichtmehr bist,
166
wenn ich mich sehr verliere an die Zeit.
167
Dann les ich von dir: der Euangelist
168
schreibt überall von deiner Ewigkeit.

169
Ich bin der Vater; doch der Sohn ist mehr,
170
ist alles, was der Vater war, und der,
171
der er nicht wurde, wird in jenem groß;
172
er ist die Zukunft und die Wiederkehr,
173
er ist der Schooß, er ist das Meer ...

174
Dir ist mein Beten keine Blasphemie:
175
als schlüge ich in alten Büchern nach,
176
daß ich dir sehr verwandt bin – tausendfach.

177
Ich will dir Liebe geben. Die und die ....

178
Liebt man denn einen Vater? Geht man nicht,
179
wie du von mir gingst, Härte im Gesicht,
180
von seinen hülflos leeren Händen fort?
181
Legt man nicht leise sein verwelktes Wort
182
in alte Bücher, die man selten liest?

183
Fließt man nicht wie von einer Wasserscheide
184
von seinem Herzen ab zu Lust und Leide?
185
Ist uns der Vater denn nicht das, was
186
vergangne Jahre, welche fremd gedacht,
187
veraltete Gebärde, tote Tracht,
188
verblühte Hände und verblichnes Haar?
189
Und war er selbst für seine Zeit ein Held,
190
er ist das Blatt, das, wenn wir wachsen, fällt.

191
Und seine Sorgfalt ist uns wie ein Alb,
192
und seine Stimme ist uns wie ein Stein, –
193
wir möchten seiner Rede hörig sein,
194
aber wir hören seine Worte halb.
195
Das große Drama zwischen ihm und uns
196
lärmt viel zu laut, einander zu verstehn,
197
wir sehen nur die Formen seines Munds,
198
aus denen Silben fallen, die vergehn.
199
So sind wir noch viel ferner ihm als fern,
200
wenn auch die Liebe uns noch weit verwebt,
201
erst wenn er sterben muß auf diesem Stern,
202
sehn wir, daß er auf diesem Stern gelebt.

203
Das ist der Vater uns. Und ich – ich soll
204
dich Vater nennen?
205
Das hieße tausendmal mich von dir trennen.
206
Du bist mein Sohn. Ich werde dich erkennen,
207
wie man sein einzigliebes Kind erkennt, auch dann,
208
wenn es ein Mann geworden ist, ein alter Mann.

209
Lösch mir die Augen aus: ich kann dich sehn,
210
wirf mir die Ohren zu: ich kann dich hören,
211
und ohne Füße kann ich zu dir gehn,
212
und ohne Mund noch kann ich dich beschwören.
213
Brich mir die Arme ab, ich fasse dich
214
mit meinem Herzen wie mit einer Hand,
215
halt mir das Herz zu, und mein Hirn wird schlagen,
216
und wirfst du in mein Hirn den Brand,
217
so werd ich dich auf meinem Blute tragen.

218
Und meine Seele ist ein Weib vor dir.
219
Und ist wie der Naëmi Schnur, wie Ruth.
220
Sie geht bei Tag um deiner Garben Hauf
221
wie eine Magd, die tiefe Dienste tut.
222
Aber am Abend steigt sie in die Flut
223
und badet sich und kleidet sich sehr gut
224
und kommt zu dir, wenn alles um dich ruht,
225
und kommt und deckt zu deinen Füßen auf.
226
Und fragst du sie um Mitternacht, sie sagt
227
mit tiefer Einfalt: Ich bin Ruth, die Magd.
228
Spann deine Flügel über deine Magd.
229
Du bist der Erbe ...

230
Und meine Seele schläft dann bis es tagt
231
bei deinen Füßen, warm von deinem Blut.
232
Und ist ein Weib vor dir. Und ist wie Ruth.

233
Du bist der Erbe.
234
Söhne sind die Erben,
235
denn Väter sterben.
236
Söhne stehn und blühn.
237
Du bist der Erbe:

238
Und du erbst das Grün
239
vergangner Gärten und das stille Blau
240
zerfallner Himmel.
241
Tau aus tausend Tagen,
242
die vielen Sommer, die die Sonnen sagen,
243
und lauter Frühlinge mit Glanz und Klagen
244
wie viele Briefe einer jungen Frau.
245
Du erbst die Herbste, die wie Prunkgewänder
246
in der Erinnerung von Dichtern liegen,
247
und alle Winter, wie verwaiste Länder,
248
scheinen sich leise an dich anzuschmiegen.
249
Du erbst Venedig und Kasan und Rom,
250
Florenz wird dein sein, der Pisaner Dom,
251
die Troïtzka Lawra und das Monastir,
252
das unter Kiews Gärten ein Gewirr
253
von Gängen bildet, dunkel und verschlungen, –
254
Moskau mit Glocken wie Erinnerungen, –
255
und Klang wird dein sein: Geigen, Hörner, Zungen,
256
und jedes Lied, das tief genug erklungen,
257
wird an dir glänzen wie ein Edelstein.

258
Für dich nur schließen sich die Dichter ein
259
und sammeln Bilder, rauschende und reiche,
260
und gehn hinaus und reifen durch Vergleiche
261
und sind ihr ganzes Leben so allein ...
262
Und Maler malen ihre Bilder nur,
263
damit du
264
die du vergänglich schufst, zurückempfängst:
265
alles wird ewig. Sieh, das Weib ist längst
266
in der Madonna Lisa reif wie Wein;
267
es müßte nie ein Weib mehr sein,
268
denn Neues bringt kein neues Weib hinzu.
269
Die, welche bilden, sind wie du.
270
Sie wollen Ewigkeit. Sie sagen: Stein,
271
sei ewig. Und das heißt: sei dein!

272
Und auch, die lieben, sammeln für dich ein:
273
Sie sind die Dichter einer kurzen Stunde,
274
sie küssen einem ausdruckslosen Munde
275
ein Lächeln auf, als formten sie ihn schöner,
276
und bringen Lust und sind die Angewöhner
277
zu Schmerzen, welche erst erwachsen machen.
278
Sie bringen Leiden mit in ihrem Lachen,
279
Sehnsüchte, welche schlafen, und erwachen,
280
um aufzuweinen in der fremden Brust.
281
Sie häufen Rätselhaftes an und sterben,
282
wie Tiere sterben, ohne zu begreifen, –
283
aber sie werden vielleicht Enkel haben,
284
in denen ihre grünen Leben reifen;
285
durch diese wirst du jene Liebe erben,
286
die sie sich blind und wie im Schlafe gaben.
287
So fließt der Dinge Überfluß dir zu.
288
Und wie die obern Becken von Fontänen
289
beständig überströmen, wie von Strähnen
290
gelösten Haares, in die tiefste Schale, –
291
so fällt die Fülle dir in deine Tale,
292
wenn Dinge und Gedanken übergehn.

293
Ich bin nur einer deiner Ganzgeringen,
294
der in das Leben aus der Zelle sieht
295
und der, den Menschen ferner als den Dingen,
296
nicht wagt zu wägen, was geschieht.
297
Doch willst du mich vor deinem Angesicht,
298
aus dem sich dunkel deine Augen heben,
299
dann halte es für meine Hoffahrt nicht,
300
wenn ich dir sage: Keiner lebt sein Leben.
301
Zufälle sind die Menschen, Stimmen, Stücke,
302
Alltage, Ängste, viele kleine Glücke,
303
verkleidet schon als Kinder, eingemummt,
304
als Masken mündig, als Gesicht – verstummt.

305
Ich denke oft: Schatzhäuser müssen sein,
306
wo alle diese vielen Leben liegen
307
wie Panzer oder Sänften oder Wiegen,
308
in welche nie ein Wirklicher gestiegen,
309
und wie Gewänder, welche ganz allein
310
nicht stehen können und sich sinkend schmiegen
311
an starke Wände aus gewölbtem Stein.
312
Und wenn ich abends immer weiterginge
313
aus meinem Garten, drin ich müde bin, –
314
ich weiß: dann führen alle Wege hin
315
zum Arsenal der ungelebten Dinge.
316
Dort ist kein Baum, als legte sich das Land,
317
und wie um ein Gefängnis hängt die Wand
318
ganz fensterlos in siebenfachem Ringe.
319
Und ihre Tore mit den Eisenspangen,
320
die denen wehren, welche hinverlangen,
321
und ihre Gitter sind von Menschenhand.

322
Und doch, obwohl ein jeder von sich strebt
323
wie aus dem Kerker, der ihn haßt und hält, –
324
es ist ein großes Wunder in der Welt:
325
ich fühle:
326
Wer lebt es denn? Sind das die Dinge, die
327
wie eine ungespielte Melodie
328
im Abend wie in einer Harfe stehn?
329
Sind das die Winde, die von Wassern wehn,
330
sind das die Zweige, die sich Zeichen geben,
331
sind das die Blumen, die die Düfte weben,
332
sind das die langen alternden Alleen?
333
Sind das die warmen Tiere, welche gehn,
334
sind das die Vögel, die sich fremd erheben?
335
Wer lebt es denn? Lebst du es, Gott, – das Leben?

336
Du bist der Alte, dem die Haare
337
von Ruß versengt sind und verbrannt,
338
du bist der große Unscheinbare,
339
mit deinem Hammer in der Hand.
340
Du bist der Schmied, das Lied der Jahre,
341
der immer an dem Amboß stand.

342
Du bist, der niemals Sonntag hat,
343
der in die Arbeit Eingekehrte,
344
der sterben könnte überm Schwerte,
345
das noch nicht glänzend wird und glatt.
346
Wenn bei uns Mühle steht und Säge
347
und alle trunken sind und träge,
348
dann hört man deine Hammerschläge
349
an allen Glocken in der Stadt.

350
Du bist der Mündige, der Meister,
351
und keiner hat dich lernen sehn;
352
ein Unbekannter, Hergereister,
353
von dem bald flüsternder, bald dreister
354
die Reden und Gerüchte gehn.

355
Gerüchte gehn, die dich vermuten,
356
und Zweifel gehn, die dich verwischen.
357
Die Trägen und die Träumerischen
358
mißtrauen ihren eignen Gluten
359
und wollen, daß die Berge bluten,
360
denn eher glauben sie dich nicht.
361
Du aber senkst dein Angesicht.
362
Du könntest den Bergen die Adern aufschneiden
363
als Zeichen eines großen Gerichts;
364
aber dir liegt nichts
365
an den Heiden.

366
Du willst nicht streiten mit allen Listen
367
und nicht suchen die Liebe des Lichts;
368
denn dir liegt nichts
369
an den Christen.

370
Dir liegt an den Fragenden nichts.
371
Sanften Gesichts
372
siehst du den Tragenden zu.

373
Alle, welche dich suchen, versuchen dich.
374
Und die, so dich finden, binden dich
375
an Bild und Gebärde.

376
Ich aber will dich begreifen
377
wie dich die Erde begreift;
378
mit meinem Reifen
379
reift
380
dein Reich.

381
Ich will von dir keine Eitelkeit,
382
die dich beweist.
383
Ich weiß, daß die Zeit
384
anders heißt
385
als du.

386
Tu mir kein Wunder zulieb.
387
Gieb deinen Gesetzen recht,
388
die von Geschlecht zu Geschlecht
389
sichtbarer sind.

390
Wenn etwas mir vom Fenster fällt
391
(und wenn es auch das Kleinste wäre)
392
wie stürzt sich das Gesetz der Schwere
393
gewaltig wie ein Wind vom Meere
394
auf jeden Ball und jede Beere
395
und trägt sie in den Kern der Welt.

396
Ein jedes Ding ist überwacht
397
von einer flugbereiten Güte
398
wie jeder Stein und jede Blüte
399
und jedes kleine Kind bei Nacht.
400
Nur wir, in unsrer Hoffahrt, drängen
401
aus einigen Zusammenhängen
402
in einer Freiheit leeren Raum,
403
statt, klugen Kräften hingegeben,
404
uns aufzuheben wie ein Baum.
405
Statt in die weitesten Geleise
406
sich still und willig einzureihn,
407
verknüpft man sich auf manche Weise, –
408
und wer sich ausschließt jedem Kreise,
409
ist jetzt so namenlos allein.
410
Da muß er lernen von den Dingen,
411
anfangen wieder wie ein Kind,
412
weil sie, die Gott am Herzen hingen,
413
nicht von ihm fortgegangen sind.
414
Eins muß er wieder können:
415
geduldig in der Schwere ruhn,
416
der sich vermaß, den Vögeln allen
417
im Fliegen es zuvorzutun.

418
(denn auch die Engel fliegen nicht mehr.
419
Schweren Vögeln gleichen die Seraphim,
420
welche um
421
Trümmern von Vögeln, Pinguinen
422
gleichen sie, wie sie verkümmern ...)

423
Du meinst die Demut. Angesichter
424
gesenkt in stillem Dichverstehn.
425
So gehen abends junge Dichter
426
in den entlegenen Alleen.
427
So stehn die Bauern um die Leiche,
428
wenn sich ein Kind im Tod verlor, –
429
und was geschieht, ist doch das Gleiche:
430
es geht ein Übergroßes vor.

431
Wer dich zum ersten Mal gewahrt,
432
den stört der Nachbar und die Uhr,
433
der geht, gebeugt zu deiner Spur,
434
und wie beladen und bejahrt.
435
Erst später naht er der Natur
436
und fühlt die Winde und die Fernen,
437
hört dich, geflüstert von der Flur,
438
sieht dich, gesungen von den Sternen,
439
und kann dich nirgends mehr verlernen,
440
und alles ist dein Mantel nur.

441
Ihm bist du neu und nah und gut
442
und wunderschön wie eine Reise,
443
die er in stillen Schiffen leise
444
auf einem großen Flusse tut.
445
Das Land ist weit, in Winden, eben,
446
sehr großen Himmeln preisgegeben
447
und alten Wäldern untertan.
448
Die kleinen Dörfer, die sich nahn,
449
vergehen wieder wie Geläute
450
und wie ein Gestern und ein Heute
451
und so wie alles, was wir sahn.
452
Aber an dieses Stromes Lauf
453
stehn immer wieder Städte auf
454
und kommen wie auf Flügelschlägen
455
der feierlichen Fahrt entgegen.

456
Und manchmal lenkt das Schiff zu Stellen,
457
die einsam, sonder Dorf und Stadt,
458
auf etwas warten an den Wellen, –
459
auf den, der keine Heimat hat ...
460
Für solche stehn dort kleine Wagen
461
(ein jeder mit drei Pferden vor),
462
die atemlos nach Abend jagen
463
auf einem Weg, der sich verlor.

464
In diesem Dorfe steht das letzte Haus
465
so einsam wie das letzte Haus der Welt.

466
Die Straße, die das kleine Dorf nicht hält,
467
geht langsam weiter in die Nacht hinaus.

468
Das kleine Dorf ist nur ein Übergang
469
zwischen zwei Weiten, ahnungsvoll und bang,
470
ein Weg an Häusern hin statt eines Stegs.

471
Und die das Dorf verlassen, wandern lang,
472
und viele sterben vielleicht unterwegs.

473
Manchmal steht einer auf beim Abendbrot
474
und geht hinaus und geht und geht und geht, –
475
weil eine Kirche wo im Osten steht.

476
Und seine Kinder segnen ihn wie tot.

477
Und einer, welcher stirbt in seinem Haus,
478
bleibt drinnen wohnen, bleibt in Tisch und Glas,
479
so daß die Kinder in die Welt hinaus
480
zu jener Kirche ziehn, die er vergaß.

481
Nachtwächter ist der Wahnsinn,
482
weil er wacht.
483
Bei jeder Stunde bleibt er lachend stehn,
484
und einen Namen sucht er für die Nacht
485
und nennt sie: sieben, achtundzwanzig, zehn ...
486
Und ein Triangel trägt er in der Hand,
487
und weil er zittert, schlägt es an den Rand
488
des Horns, das er nicht blasen kann, und singt
489
das Lied, das er zu allen Häusern bringt.

490
Die Kinder haben eine gute Nacht
491
und hören träumend, daß der Wahnsinn wacht.
492
Die Hunde aber reißen sich vom Ring
493
und gehen in den Häusern groß umher
494
und zittern, wenn er schon vorüberging,
495
und fürchten sich vor seiner Wiederkehr.

496
Weißt du von jenen Heiligen, mein Herr?

497
Sie fühlten auch verschloßne Klosterstuben
498
zu nahe an Gelächter und Geplärr,
499
so daß sie tief sich in die Erde gruben.

500
Ein jeder atmete mit seinem Licht
501
die kleine Luft in seiner Grube aus,
502
vergaß sein Alter und sein Angesicht
503
und lebte wie ein fensterloses Haus
504
und starb nichtmehr, als wär er lange tot.
505
Sie lasen selten; alles war verdorrt,
506
als wäre Frost in jedes Buch gekrochen,
507
und wie die Kutte hing von ihren Knochen,
508
so hing der Sinn herab von jedem Wort.
509
Sie redeten einander nichtmehr an,
510
wenn sie sich fühlten in den schwarzen Gängen,
511
sie ließen ihre langen Haare hängen,
512
und keiner wußte, ob sein Nachbarmann
513
nicht stehend starb.
514
In einem runden Raum,
515
wo Silberlampen sich von Balsam nährten,
516
versammelten sich manchmal die Gefährten
517
vor goldnen Türen wie vor goldnen Gärten
518
und schauten voller Mißtraun in den Traum
519
und rauschten leise mit den langen Bärten.

520
Ihr Leben war wie tausend Jahre groß,
521
seit es sich nichtmehr schied in Nacht und Helle;
522
sie waren, wie gewälzt von einer Welle,
523
zurückgekehrt in ihrer Mutter Schooß.
524
Sie saßen rundgekrümmt wie Embryos
525
mit großen Köpfen und mit kleinen Händen
526
und aßen nicht, als ob sie Nahrung fänden
527
aus jener Erde, die sie schwarz umschloß.

528
Jetzt zeigt man sie den tausend Pilgern, die
529
aus Stadt und Steppe zu dem Kloster wallen.
530
Seit dreimal hundert Jahren liegen sie,
531
und ihre Leiber können nicht zerfallen.
532
Das Dunkel häuft sich wie ein Licht das rußt
533
auf ihren langen lagernden Gestalten,
534
die unter Tüchern heimlich sich erhalten, –
535
und ihrer Hände ungelöstes Falten
536
liegt ihnen wie Gebirge auf der Brust.

537
Du großer alter Herzog des Erhabnen:
538
hast du vergessen, diesen Eingegrabnen
539
den Tod zu schicken, der sie ganz verbraucht,
540
weil sie sich tief in Erde eingetaucht?
541
Sind die, die sich Verstorbenen vergleichen,
542
am ähnlichsten der Unvergänglichkeit?
543
Ist das das große Leben deiner Leichen,
544
das überdauern soll den Tod der Zeit?

545
Sind sie dir noch zu deinen Plänen gut?
546
Erhältst du unvergängliche Gefäße,
547
die du, der allen Maßen Ungemäße,
548
einmal erfüllen willst mit deinem Blut?

549
Du bist die Zukunft, großes Morgenrot
550
über den Ebenen der Ewigkeit.
551
Du bist der Hahnschrei nach der Nacht der Zeit,
552
der Tau, die Morgenmette und die Maid,
553
der fremde Mann, die Mutter und der Tod.

554
Du bist die sich verwandelnde Gestalt,
555
die immer einsam aus dem Schicksal ragt,
556
die unbejubelt bleibt und unbeklagt
557
und unbeschrieben wie ein wilder Wald.

558
Du bist der Dinge tiefer Inbegriff,
559
der seines Wesens letztes Wort verschweigt
560
und sich den Andern immer anders zeigt:
561
dem Schiff als Küste und dem Land als Schiff.

562
Du bist das Kloster zu den Wundenmalen.
563
Mit zweiunddreißig alten Kathedralen
564
und fünfzig Kirchen, welche aus Opalen
565
und Stücken Bernstein aufgemauert sind.
566
Auf jedem Ding im Klosterhofe
567
liegt deines Klanges eine Strophe,
568
und das gewaltige Tor beginnt.

569
In langen Häusern wohnen Nonnen,
570
Schwarzschwestern, siebenhundertzehn.
571
Manchmal kommt eine an den Bronnen,
572
und eine steht wie eingesponnen,
573
und eine, wie in Abendsonnen,
574
geht schlank in schweigsamen Alleen.

575
Aber die Meisten sieht man nie;
576
sie bleiben in der Häuser Schweigen
577
wie in der kranken Brust der Geigen
578
die Melodie, die keiner kann ...

579
Und um die Kirchen rings im Kreise,
580
von schmachtendem Jasmin umstellt,
581
sind Gräberstätten, welche leise
582
wie Steine reden von der Welt.
583
Von jener Welt, die nichtmehr ist,
584
obwohl sie an das Kloster brandet,
585
in eitel Tag und Tand gewandet
586
und gleichbereit zu Lust und List.

587
Sie ist vergangen: denn du bist.

588
Sie fließt noch wie ein Spiel von Lichtern
589
über das teilnahmslose Jahr;
590
doch dir, dem Abend und den Dichtern
591
sind, unter rinnenden Gesichtern,
592
die dunkeln Dinge offenbar.

593
Die Könige der Welt sind alt
594
und werden keine Erben haben.
595
Die Söhne sterben schon als Knaben,
596
und ihre bleichen Töchter gaben
597
die kranken Kronen der Gewalt.
598
Der Pöbel bricht sie klein zu Geld,
599
der zeitgemäße Herr der Welt
600
dehnt sie im Feuer zu Maschinen,
601
die seinem Wollen grollend dienen;
602
aber das Glück ist nicht mit ihnen.
603
Das Erz hat Heimweh. Und verlassen
604
will es die Münzen und die Räder,
605
die es ein kleines Leben lehren.
606
Und aus Fabriken und aus Kassen
607
wird es zurück in das Geäder
608
der aufgetanen Berge kehren,
609
die sich verschließen hinter ihm.

610
Alles wird wieder groß sein und gewaltig.
611
Die Lande einfach und die Wasser faltig,
612
die Bäume riesig und sehr klein die Mauern;
613
und in den Tälern, stark und vielgestaltig,
614
ein Volk von Hirten und von Ackerbauern.

615
Und keine Kirchen, welche Gott umklammern
616
wie einen Flüchtling und ihn dann bejammern
617
wie ein gefangenes und wundes Tier, –
618
die Häuser gastlich allen Einlaßklopfern
619
und ein Gefühl von unbegrenztem Opfern
620
in allem Handeln und in dir und mir.

621
Kein Jenseitswarten und kein Schaun nach drüben,
622
nur Sehnsucht, auch den Tod nicht zu entweihn
623
und dienend sich am Irdischen zu üben,
624
um seinen Händen nicht mehr neu zu sein.

625
Auch du wirst groß sein. Größer noch als einer,
626
der jetzt schon leben muß, dich sagen kann.
627
Viel ungewöhnlicher und ungemeiner
628
und noch viel älter als ein alter Mann.

629
Man wird dich fühlen: daß ein Duften ginge
630
aus eines Gartens naher Gegenwart;
631
und wie ein Kranker seine liebsten Dinge
632
wird man dich lieben ahnungsvoll und zart.

633
Es wird kein Beten geben, das die Leute
634
zusammenschart. Du
635
und wer dich fühlte und sich an dir freute,
636
wird wie der Einzige auf Erden sein:
637
Ein Ausgestoßener und ein Vereinter,
638
gesammelt und vergeudet doch zugleich;
639
ein Lächelnder und doch ein Halbverweinter,
640
klein wie ein Haus und mächtig wie ein Reich.

641
Es wird nicht Ruhe in den Häusern, sei's
642
daß einer stirbt und sie ihn weitertragen,
643
sei es daß wer auf heimliches Geheiß
644
den Pilgerstock nimmt und den Pilgerkragen,
645
um in der Fremde nach dem Weg zu fragen,
646
auf welchem er dich warten weiß.

647
Die Straßen werden derer niemals leer,
648
die zu dir wollen wie zu jener Rose,
649
die alle tausend Jahre einmal blüht.
650
Viel dunkles Volk und beinah Namenlose,
651
und wenn sie dich erreichen, sind sie müd.

652
Aber ich habe ihren Zug gesehn;
653
und glaube seither, daß die Winde wehn
654
aus ihren Mänteln, welche sich bewegen,
655
und stille sind wenn sie sich niederlegen –:
656
so groß war in den Ebenen ihr Gehn.

657
So möcht ich zu dir gehn: von fremden Schwellen
658
Almosen sammelnd, die mich ungern nähren.
659
Und wenn der Wege wirrend viele wären,
660
so würd ich mich den Ältesten gesellen.
661
Ich würde mich zu kleinen Greisen stellen,
662
und wenn sie gingen, schaut ich wie im Traum,
663
daß ihre Kniee aus der Bärte Wellen
664
wie Inseln tauchen, ohne Strauch und Baum.

665
Wir überholten Männer, welche blind
666
mit ihren Knaben wie mit Augen schauen,
667
und Trinkende am Fluß und müde Frauen
668
und viele Frauen, welche schwanger sind.
669
Und alle waren mir so seltsam nah, –
670
als ob die Männer einen Blutsverwandten,
671
die Frauen einen Freund in mir erkannten,
672
und auch die Hunde kamen, die ich sah.

673
Du Gott, ich möchte viele Pilger sein,
674
um so, ein langer Zug, zu dir zu gehn,
675
und um ein großes Stück von dir zu sein:
676
du Garten mit den lebenden Alleen.
677
Wenn ich so gehe wie ich bin, allein, –
678
wer merkt es denn? Wer
679
Wen reißt es hin? Wen regt es auf, und wen
680
bekehrt es dir?
681
Als wäre nichts geschehn,
682
– lachen sie weiter. Und da bin ich froh,
683
daß ich so gehe wie ich bin; denn so
684
kann keiner von den Lachenden mich sehn.

685
Bei Tag bist du das Hörensagen,
686
das flüsternd um die Vielen fließt;
687
die Stille nach dem Stundenschlagen,
688
welche sich langsam wieder schließt.

689
Jemehr der Tag mit immer schwächern
690
Gebärden sich nach Abend neigt,
691
jemehr bist du, mein Gott. Es steigt
692
dein Reich wie Rauch aus allen Dächern.

693
Ein Pilgermorgen. Von den harten Lagern,
694
auf das ein jeder wie vergiftet fiel,
695
erhebt sich bei dem ersten Glockenspiel
696
ein Volk von hagern Morgensegen-Sagern,
697
auf das die frühe Sonne niederbrennt:

698
Bärtige Männer, welche sich verneigen,
699
Kinder, die ernsthaft aus den Pelzen steigen,
700
und in den Mänteln, schwer von ihrem Schweigen,
701
die braunen Fraun von Tiflis und Taschkent.
702
Christen mit den Gebärden des Islam
703
sind um die Brunnen, halten ihre Hände
704
wie flache Schalen hin, wie Gegenstände,
705
in die die Flut wie eine Seele kam.

706
Sie neigen das Gesicht hinein und trinken,
707
reißen die Kleider auf mit ihrer Linken
708
und halten sich das Wasser an die Brust
709
als wärs ein kühles weinendes Gesicht,
710
das von den Schmerzen auf der Erde spricht.

711
Und diese Schmerzen stehen rings umher
712
mit welken Augen; und du weißt nicht wer
713
sie sind und waren. Knechte oder Bauern,
714
vielleicht Kaufleute, welche Wohlstand sahn,
715
vielleicht auch laue Mönche, die nicht dauern,
716
und Diebe, die auf die Versuchung lauern,
717
offene Mädchen, die verkümmert kauern,
718
und Irrende in einem Wald von Wahn – :
719
alle wie Fürsten, die in tiefem Trauern
720
die Überflüsse von sich abgetan.
721
Wie Weise alle, welche viel erfahren,
722
Erwählte, welche in der Wüste waren,
723
wo Gott sie nährte durch ein fremdes Tier;
724
Einsame, die durch Ebenen gegangen
725
mit vielen Winden an den dunklen Wangen,
726
von einer Sehnsucht fürchtig und befangen
727
und doch so wundersam erhöht von ihr.
728
Gelöste aus dem Alltag, eingeschaltet
729
in große Orgeln und in Chorgesang,
730
und Knieende, wie Steigende gestaltet;
731
Fahnen mit Bildern, welche lang
732
verborgen waren und zusammgefaltet:

733
Jetzt hängen sie sich langsam wieder aus.

734
Und manche stehn und schaun nach einem Haus,
735
darin die Pilger, welche krank sind, wohnen;
736
denn eben wand sich dort ein Mönch heraus,
737
die Haare schlaff und die Sutane kraus,
738
das schattige Gesicht voll kranker Blaus
739
und ganz verdunkelt von Dämonen.

740
Er neigte sich, als bräch er sich entzwei,
741
und warf sich in zwei Stücken auf die Erde,
742
die jetzt an seinem Munde wie ein Schrei
743
zu hängen schien und so als sei
744
sie seiner Arme wachsende Gebärde.

745
Und langsam ging sein Fall an ihm vorbei.
746
Er flog empor, als ob er Flügel spürte,
747
und sein erleichtertes Gefühl verführte
748
ihn zu dem Glauben seiner Vogelwerdung.
749
Er hing in seinen magern Armen schmal,
750
wie eine schiefgeschobne Marionette,
751
und glaubte, daß er große Schwingen hätte
752
und daß die Welt schon lange wie ein Tal
753
sich ferne unter seinen Füßen glätte.
754
Ungläubig sah er sich mit einem Mal
755
herabgelassen auf die fremde Stätte
756
und auf den grünen Meergrund seiner Qual.
757
Und war ein Fisch und wand sich schlank und schwamm
758
durch tiefes Wasser, still und silbergrau,
759
sah Quallen hangen am Korallenstamm
760
und sah die Haare einer Meerjungfrau,
761
durch die das Wasser rauschte wie ein Kamm.
762
Und kam zu Land und war ein Bräutigam
763
bei einer Toten, wie man ihn erwählt
764
damit kein Mädchen fremd und unvermählt
765
des Paradieses Wiesenland beschritte.

766
Er folgte ihr und ordnete die Tritte
767
und tanzte rund, sie immer in der Mitte,
768
und seine Arme tanzten rund um ihn.
769
Dann horchte er, als wäre eine dritte
770
Gestalt ganz sachte in das Spiel getreten,
771
die diesem Tanzen nicht zu glauben schien.
772
Und da erkannte er: jetzt mußt du beten;
773
denn dieser ist es, welcher den Propheten
774
wie eine große Krone sich verliehn.
775
Wir halten ihn, um den wir täglich flehten,
776
wir ernten ihn, den einstens Ausgesäeten,
777
und kehren heim mit ruhenden Geräten
778
in langen Reihen wie in Melodien.
779
Und er verneigte sich ergriffen, tief.
780
Aber der Alte war, als ob er schliefe,
781
und sah es nicht, obwohl sein Aug nicht schlief.

782
Und er verneigte sich in solche Tiefe,
783
daß ihm ein Zittern durch die Glieder lief.
784
Aber der Alte ward es nicht gewahr.

785
Da faßte sich der kranke Mönch am Haar
786
und schlug sich wie ein Kleid an einen Baum.
787
Aber der Alte stand und sah es kaum.

788
Da nahm der kranke Mönch sich in die Hände
789
wie man ein Richtschwert in die Hände nimmt,
790
und hieb und hieb, verwundete die Wände
791
und stieß sich endlich in den Grund ergrimmt.
792
Aber der Alte blickte unbestimmt.

793
Da riß der Mönch sein Kleid sich ab wie Rinde
794
und knieend hielt er es dem Alten hin.

795
Und sieh: er kam. Kam wie zu einem Kinde
796
und sagte sanft: Weißt du auch
797
Das wußte er. Und legte sich gelinde
798
dem Greis wie eine Geige unters Kinn.

799
Jetzt reifen schon die roten Berberitzen,
800
alternde Astern atmen schwach im Beet.
801
Wer jetzt nicht reich ist, da der Sommer geht,
802
wird immer warten und sich nie besitzen.

803
Wer jetzt nicht seine Augen schließen kann,
804
gewiß, daß eine Fülle von Gesichten
805
in ihm nur wartet bis die Nacht begann,
806
um sich in seinem Dunkel aufzurichten: –
807
der ist vergangen wie ein alter Mann.

808
Dem kommt nichts mehr, dem stößt kein Tag mehr zu,
809
und alles lügt ihn an, was ihm geschieht;
810
auch du, mein Gott. Und wie ein Stein bist du,
811
welcher ihn täglich in die Tiefe zieht.

812
Du mußt nicht bangen, Gott. Sie sagen:
813
zu allen Dingen, die geduldig sind.
814
Sie sind wie Wind, der an die Zweige streift
815
und sagt:

816
Sie merken kaum,
817
wie alles glüht, was ihre Hand ergreift, –
818
so daß sie's auch an seinem letzten Saum
819
nicht halten könnten ohne zu verbrennen.

820
Sie sagen
821
den Fürsten Freund nennt im Gespräch mit Bauern,
822
wenn dieser Fürst sehr groß ist und – sehr fern.
823
Sie sagen
824
und kennen gar nicht ihres Hauses Herrn.
825
Sie sagen
826
wenn jedes Ding sich schließt, dem sie sich nahn,
827
so wie ein abgeschmackter Charlatan
828
vielleicht die Sonne sein nennt und den Blitz.
829
So sagen sie: mein Leben, meine Frau,
830
mein Hund, mein Kind, und wissen doch genau,
831
daß alles: Leben, Frau und Hund und Kind
832
fremde Gebilde sind, daran sie blind
833
mit ihren ausgestreckten Händen stoßen.
834
Gewißheit freilich ist das nur den Großen,
835
die sich nach Augen sehnen. Denn die Andern
836
mit keinem Dinge rings zusammenhängt,
837
daß sie, von ihrer Habe fortgedrängt,
838
nicht anerkannt von ihrem Eigentume
839
das Weib so wenig
840
die eines fremden Lebens ist für alle.

841
Falle nicht, Gott, aus deinem Gleichgewicht.
842
Auch der dich liebt und der dein Angesicht
843
erkennt im Dunkel, wenn er wie ein Licht
844
in deinem Atem schwankt, – besitzt dich nicht.
845
Und wenn dich einer in der Nacht erfaßt,
846
so daß du kommen mußt in sein Gebet:

847
Wer kann dich halten, Gott? Denn du bist dein,
848
von keines Eigentümers Hand gestört,
849
so wie der noch nicht ausgereifte Wein,
850
der immer süßer wird, sich selbst gehört.

851
In tiefen Nächten grab ich dich, du Schatz.
852
Denn alle Überflüsse, die ich sah,
853
sind Armut und armsäliger Ersatz
854
für deine Schönheit, die noch nie geschah.

855
Aber der Weg zu dir ist furchtbar weit
856
und, weil ihn lange keiner ging, verweht.
857
O du bist einsam. Du bist Einsamkeit,
858
du Herz, das zu entfernten Talen geht.

859
Und meine Hände, welche blutig sind
860
vom Graben, heb ich offen in den Wind,
861
so daß sie sich verzweigen wie ein Baum.
862
Ich sauge dich mit ihnen aus dem Raum
863
als hättest du dich einmal dort zerschellt
864
in einer ungeduldigen Gebärde,
865
und fielest jetzt, eine zerstäubte Welt,
866
aus fernen Sternen wieder auf die Erde
867
sanft wie ein Frühlingsregen fällt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Rainer Maria Rilke
(18751926)

* 04.12.1875 in Prag, † 29.12.1926 in Montreux

männlich, geb. Rilke

natürliche Todesursache | Leukämie

österreichischer Lyriker, Erzähler, Übersetzer und Romancier (1875–1926)

(Aus: Wikidata.org)

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