Der alte Fontane

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Kurt Tucholsky: Der alte Fontane (1912)

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Damals, so in den achtziger Jahren,
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ist man noch nicht mit dem Auto gefahren;
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alles ging seinen ruhigen Schritt,
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und der alte Fontane ging ihn mit.
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Ein stilles Antlitz hatten die Tage:
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Frühmorgens bei Kroll, auf der Brunnenwaage
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dann die Tiergartenpromenade
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(»Kannten Sie Strousberg? Schade, schade!«),
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dann ins Geschäft oder ins Büro,
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und das ging alle Vormittage so.
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Mittag zu Hause, friedliche Zeiten,
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die Kinder machen Schularbeiten,
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ein kleines Nickerchen mit der Zigarre,
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und dann wieder in die geschäftliche Karre.
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Und war der Tag besonders schön,
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hieß es: »Ich habe den Kaiser gesehn!« –
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Alles so sauber und preußisch und karg:
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der alte Fontane und seine Mark.
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Aber Fontane und alle die Alten
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konnten sich auch nicht ewig halten.
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Wollten noch so vieles erleben,
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mußten doch gen Walhalla schweben.
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Bis hin vor die Weltenesche sie ziehn,
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da lagern sie sich um Vater Odin.

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Tick, tick,
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dreißig Jahre sind ein Augenblick.

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Und als nun Michaelis den Abschied nahm,
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eine Sehnsucht über Fontane kam,
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und er sprach: »Herr, laß mich auf Urlaub gehn,
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ich möchte die Spree noch einmal sehn.
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Die Spree, die Havel, die Nette, die Nuthe,
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den Schlachtensee und die Räuberkuthe;
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ich kenne mich aus, und habe ich Glück,
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bis Donnerstag bin ich wieder zurück.«
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Odin hat huldvoll sich verneigt –
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der Alte zur Erde niedersteigt.
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Und zunächst in der Neumark, in der Nähe von Bentschen,
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landet er. »Himmel, was sind das für Menschen!«
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Und er spricht hinter Schwiebus und hinter Zielenzig:
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»dickköpfe, Hamster! und so was nennt sich
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nun Märker – wir wollen westwärts ziehn!«
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Und so westwärts kommt er nach Berlin.
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Da ist ein Schleichen und Drehen und Schieben,
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wo ist das alte Berlin geblieben?
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Einer drängt immer den andern weg:
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»harn Se nich greifbaren Schweinespeck?«
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Und ein Dicker steht mitten auf dem Damm
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und philosophiert über Pökelkamm.
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Sie treten sich an die Schienenbeine,
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die jüngeren Herren spielen ›Meine – Deine‹,
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sie verkaufen Frauen und Gold und Eier
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und alles um die paar lumpigen Dreier.
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Golden leuchtet ein Kirchturmknopf – –

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Und der Alte schüttelt schweigend den Kopf,
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freiwillig kürzt er den Urlaub ab,
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in wilde Karriere fällt sein Rückzugstrab.
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Sein Rückmarsch ist ein verzweifeltes Fliehn.
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»wie war es?« fragt teilnahmsvoll Odin.
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Und der alte Fontane stottert beklommen:
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»gott, ist die Gegend runtergekommen!«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Kurt Tucholsky
(18901935)

* 09.01.1890 in Berlin, † 21.12.1935 in Göteborg

männlich, geb. Tucholsky

Suizid | Überdosis

deutscher Journalist und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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