Das ist neulich in Gnesen

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Ludwig Thoma: Das ist neulich in Gnesen Titel entspricht 1. Vers(1894)

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Das ist neulich in Gnesen
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Wieder bei einem Feste gewesen,
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Wo man so nebenbei erfuhr:
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Tja. Kultur, und ei! ei!
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Daß es auch die Freiheit sei.
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Hierüber sage ich zunächst:
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Dieses Diktum ist allerhöchst.
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Darüber sind wir uns alle klar.
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Zweitens: ist es aber auch wahr?
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Das heißt: ob es auch gänzlich stimmt,
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Indem es von so hoher Stelle kimmt?
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Untersuchen wir mit tiefstem Respekt,
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Ob das Diktum auch fleckt und kleckt.
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Also: »Deutschtum ist Kultur.«
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Schön! Fragt sich nur,
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Was für eine.
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So zum Beispiel ist es keine,
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Wenn man ihr erstes Element
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Mitunter und häufig so ganz verkennt,
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Ich meine, wenn man die Kunst
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Recht gotteserbärmlich verhunzt.
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Und – pardong! – in einem Land,
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Wo bloß der Pfaffe und Leutenant
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Ein ungestörtes Behagen genießen,
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Kann nicht viele Kultur ersprießen.
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Freilich – in einer Monarchie,
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Zugegeben, da braucht man sie.
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Der liebe Gott und Gefreitenknöpfe,
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Schandarmen, Richter und gute Geschöpfe
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Bilden die monarchische Institution.
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Und stützen den Thron.
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Aber – Kultur?! So unterweil
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Kommt's mir vor wie das Gegenteil.
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Und die Sittlichkeitsriecher im schönen Bunde,
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Die auf der Straße wie rote Hunde
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Hinter dem Geschlechtlichen jagen,
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Und es hinterdrein verklagen, –
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Dieses Gesindel und auch der Staat,
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Der es gepflegt und gefördert hat –
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Wirklich Kultur bedeuten sie?
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Die Mucker, Schweine und Compagnie?
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Und eine Regierung, die solches liebt,
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Daß sie den Russen die Schergen gibt,
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Die ist Kultur??! – Na, mir ist's recht,
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Aber was ich bemerken möcht',
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Da erlaub' ich mir wirklich schon
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Ganz untertänigst einmal zu fragen:
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Übt nicht in Straßburg in diesen Tagen
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Die Dummheit wieder den alten Zwang?
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Und wenn 's ihr in Deutschland so wohl gelang,
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In Frankreich hat man sie abgeschafft.
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Wir aber werden verdummt, verpfafft,
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Und rückwärts, rückwärts weist die Spur.
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Vielleicht ist 's früher so gewesen
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Aber lange vor – Gnesen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Thoma
(18671921)

* 21.01.1867 in Oberammergau, † 26.08.1921 in Tegernsee

männlich, geb. Thoma

natürliche Todesursache | Magenkarzinom

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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