Die Gestrengen

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Ludwig Thoma: Die Gestrengen (1894)

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Ihr Herren Maler! Ihr Herren Dichter!
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Betrachten wir einmal unsere Richter!
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Da wir nächstens mit ihnen Bekanntschaft schließen,
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Darf euch die Mühe nicht verdrießen.
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Da sitzen sie oben, feierlich, stumm.
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Wir blicken hilflos im Kreise herum
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Und prüfen die Mienen der strengen Herren,
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Die die Macht besitzen, uns einzusperren.
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In der Mitte thront der Herr Präsident,
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Der keine Kunst und kein Mitleid kennt.
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Seitdem ihn das Zipperlein öfter zwackte,
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Haßt er von ganzem Herzen das Nackte.
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Der rechter Hand sitzt und so grimmig lacht,
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Wenn der Präsident eine Bemerkung macht,
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Die über uns bildet einen Witz,
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Ist zwar keine Leuchte der hohen Justiz,
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Aber beliebt bei dem Herrn Minister,
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Und ist nierenleidender Korpsphilister.
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Der Herr zur Linken ist auch ganz Ohr
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Für den Präsidenten, und kehrt hervor
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Das helle Staunen vor so viel Geist,
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Wie sich aus dessen Reden erweist.
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Er zeigt uns mit besonderer Verve
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Seine Verachtung als Leutnant der Reserve.
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Die andern zwei sind mehr jovial.
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Sie freuen sich schon auf ihr Mittagsmahl,
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Das sie fröhlich einzunehmen gedenken,
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Wenn es ihnen gelang, uns hereinzusenken.
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Ihr Herren Maler, ihr Herren Dichter!
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Was prüft ihr so lange diese Gesichter?
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Sucht ihr den Geist von der Akademie,
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Der hohen Schule? Den findet ihr nie!
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Oder höchstens in einigen breiten Schmissen,
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Womit sie das Antlitz entzwei gerissen,
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Die sie sich schlugen auf Maul und Nase
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Bei einem Korps oder einer Blase,
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Als sie noch bei der Kneiperei
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Im Chorus sangen: »Der Bursch ist frei«
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Und daß man die Wahrheit sagen müßt.
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Das haben sie längst schon abgebüßt;
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Seitdem sie die Leber sich sauer gesoffen,
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Ist es vorbei mit dem Schwärmen und Hoffen.
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Wer in Bier ertränkte die schöne Jugend,
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Ist desto mehr für die strenge Tugend;
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Die Ideale sind eitel Dunst.
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O Herrgott, schütze die arme Kunst!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Thoma
(18671921)

* 21.01.1867 in Oberammergau, † 26.08.1921 in Tegernsee

männlich, geb. Thoma

natürliche Todesursache | Magenkarzinom

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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