Tango

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Ludwig Thoma: Tango (1894)

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Die alte Zeit, ihr guten Leute
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Die ist nun leider auch vorbei.
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Da laßt uns fragen, ob es heute
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In irgend etwas besser sei.

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Nein, nein, und nein, das muß ich sagen,
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Das ist mir ohne Zweifel klar,
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Daß es in unsren jungen Tagen
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In puncto puncti besser war.

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Ich meine nicht, daß unsre Triebe
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Nicht mehr so stürmisch – nu – hem – hem,
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Nein, allgemein, das Weib – die Liebe,
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Die waren netter ehedem,

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Ein Mädchen damals konnte allen
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Nur wenn es wirklich was besaß,
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Nur durch reellen Wert gefallen.
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Wir hatten noch ein Augenmaß!

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Wir Kenner prüften noch die Büste
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Und schätzten noch ein festes Bein,
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Und rückwärts durft', daß ich nicht wüßte,
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Auch keine glatte Fläche sein.

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Wir sprachen damals von Potenzen,
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Was so ein Mädchen uns gezeigt,
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Und überschritt es auch die Grenzen,
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Wir waren ihm doch zugeneigt.

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Jetzt aber – ach du große Güte! –
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Das Weibervolk ist bloß mehr schlank,
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Ist nicht mehr Saft und Kraft und Blüte,
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Bloß Bügelbrett und Hobelbank.

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Die Rundung fehlt, und in der Länge
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Liegt heute aller Anmut Sinn,
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Und strafft das Kleid sich am Gestänge,
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So ist's erreicht, und man ist hin.

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Ja, Weiber, die es früher hatten,
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Entfernen ihrer Fülle Reiz
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Ganz ohne Rücksicht auf den Gatten
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Und aller Wünsche seinerseits.

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Dies neue Wesen, ich vermute,
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Daß es auch Amor recht verdrießt,
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Und ich bin froh, daß dieser Gute
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Auf mich nicht mehr so häufig schießt.

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Und wollte man auch kunstbeflissen
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Versuchen, was die neue Zeit
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Uns gibt. Man ist hinausgeschmissen
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Aus jeglicher Gelegenheit.

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Denn Eva will nur Tango tanzen,
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Und der Schlawiner, der es kann,
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Ist heute – ja, das paßt zum Ganzen –
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Allein der int'ressante Mann.

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Kreuz Teufel, wenn man beispielsweise
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An gute, alte Zeiten denkt!
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Wie hat fidel ein Bursch im Kreise
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Sein Mädel hin und her geschwenkt!

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Bald ließ man sich zusammenpressen
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In einem fröhlichen Gewühl;
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Man fand und suchte selbstvergessen
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Die Anhaltspunkte fürs Gefühl.

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Bald legte man im Walzerschleifen
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Den Sinn für schönen Rhythmus dar,
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Dann konnte sie es ganz begreifen,
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Wie daß man stark und zärtlich war.

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Was wir gewollt, was wir empfunden,
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Vor allem: es war innerlich.
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Ob schüchtern oder ungebunden,
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Man war noch eine Welt für sich.

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Man war nur mit sich selbst beschäftigt
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Und fühlte sich dem Ziele nah,
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Wenn ein Versprechen es bekräftigt.
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Wie war man froh, wenn's niemand sah!

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Und heute? Heute sitzt die Runde
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Von Modeaffen da und gafft,
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Und ein Schlawiner zeigt 'ne Stunde
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Die Tanzschlawinermeisterschaft.

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Der Biedermann braucht nicht mehr stehlen.
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Die Tangokunst, die ihn empfahl
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Bei den mondänen Weiberseelen,
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Trägt mehr, als was er früher stahl.

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Am Arme eines Taschendiebes
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Zeigt uns ein Klärchen als Gespann,
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Wie es die Kunst des Kniegeschiebes
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Nach vorwärts und nach rückwärts kann.

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Und Sara will gleich einer Ente
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Den Pürzel hin und wider drehn.
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Sie wünscht nur eins: mit dem Talente
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Bemerkt zu werden und geseh'n.

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Das ist das Glück: gesehen werden,
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Und jede hofft und jede denkt,
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Daß mit erotischen Gebärden
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Sie aller Blicke auf sich lenkt.

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Nichts mehr von Leidenschaft und Liebe,
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Von sich vergessen und Natur.
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Hier ist von keinem heißen Triebe
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Auch nur die Ahnung und die Spur.

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Man setzt den Hintern nur in Szene,
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Auch möglichst viel von seinem Bein,
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Und zwar – so will es die Mondäne –
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Soll es für alle Schauspiel sein.

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Nicht Herz und Sinne zu bewegen
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Und froh zu sein in heitrem Spiel,
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Nein, eine Menge aufzuregen
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Ist heute das erstrebte Ziel.

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Natürlich kam die schöne Mode,
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Wie jede noch, von auswärts her.
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Wir Deutschen hetzen sie zu Tode
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Und überwinden sie nicht mehr.

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Auch München mit den netten Mädeln,
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Das doch einmal so fröhlich war,
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Muß nach dem Muster sich veredeln
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Und zeigt sich heute wandelbar.

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Wenn sie wo eine Dummheit haben,
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So ist Gesetz: Wir kriegen sie,
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Und die natürlichste der Gaben
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War drum für uns der Tangotea.

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Das trippelt nun auf Stöckelschuhen
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Im engen Tangoröckchen her,
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Das ist ein Lernen und Bemühen,
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Und fiele es auch noch so schwer.

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Wo heute zwei zusammenkommen,
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Da frägt die eine: »Kannst du ihn?«
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»ich hab' fünf Stunden erst genommen
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Und gehe jetzt noch viermal hin.«

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Die Damenwelt voll Fleiß und Eifer
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Kennt nur die eine hohe Pflicht
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Der Stunde bei dem Tangoschleifer,
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Und keine andre kennt sie nicht.

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Sie machen ihre Hausaufgaben
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Und kennen keine Ruh und Rast,
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Bis daß sie es heraußen haben
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Entweder ganz, entweder fast.

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Und Tochter, Braut und Frau und Schwester,
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Sie alle üben Tangoschritt,
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Sogar die älteren Semester
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Sind angesteckt und üben mit.

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Die Kellnerin hüpft beim Servieren,
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Die Ladnerin ist auch so frei,
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Damit sie keine Zeit verlieren
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Und ihre Übung ständig sei.

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Die alte Freude am Vergnügen,
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Der Leichtsinn und die Fröhlichkeit,
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Sie liegen in den letzten Zügen;
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Der Tango will bloß Emsigkeit.

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Drum ist es Zeit, ein Wort zu sprechen,
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Es ist nicht mehr zu früh gewarnt.
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Mit dieser Mode soll man brechen,
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Die unsre Weiblichkeit umgarnt.

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Wenn das so fortgeht, muß verschwinden
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Der eigentliche Zweck beim Tanz,
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Daß erstens sich zusammenfinden
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Sich jede Grete, jeder Hans.

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Daß zweitens durch die Wärmestrahlen
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In beiden ein Gefühl sich regt,
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Das dann bei wiederholten Malen
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Sich etwas steigernd fortbewegt,

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Bis es dann drittens durch der Triebe
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Natur- und sachgemäße Kraft
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Sich fortentwickelt bis zur Liebe
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Und wunscherfüllten Leidenschaft.

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Auch viertens das im Wirbel Drehen
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War vom Erfinder klug erdacht.
159
Die Denkpartie, wie wir verstehen,
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Ward so aus ihrer Bahn gebracht,

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Wodurch sich fünftens mehr verstärkte
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Der Heirats- und Verbindungsdrang,
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Der schließlich, wie ich schon bemerkte,
164
Die beiden zur Vereinung zwang.

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Und alles dies wird künftig fehlen,
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Ihr Mädchen, wenn ihr Tango treibt;
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Ihr dürft euch keineswegs verhehlen,
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Daß ihr dann einfach sitzenbleibt.

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Wenn eine als dressierte Puppe
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Nur stets mit dem Schlawiner schleift,
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Bleibt sie den braven Männern schnuppe.
172
Ich hoffe, daß ihr dies begreift.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Thoma
(18671921)

* 21.01.1867 in Oberammergau, † 26.08.1921 in Tegernsee

männlich, geb. Thoma

natürliche Todesursache | Magenkarzinom

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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