Freudenschwanger hängt die Wolke

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Ludwig Thoma: Freudenschwanger hängt die Wolke Titel entspricht 1. Vers(1894)

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Freudenschwanger hängt die Wolke
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Über allem Preußenvolke,
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Jeder Gute hofft und bangt,
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Daß ein Prinzlein angelangt.

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Von dem Tage der Vermählung
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Und bis jetzt ergibt die Zählung,
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Daß der Zeitpunkt eigentlich
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Allbereits und schon verstrich.

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Pastor Demmel, den man fragte,
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War's, der patriotisch sagte:
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»seiner Zeit und immer war
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Pünktlich unser Zollernaar.«

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Und er fügte bei: »Indessen
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Darf man niemals nicht vergessen,
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Daß der Herr auch dieses lenkt;
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Manchmal anders, wie man's denkt.

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Unerforschlich ist sein Walten,
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Denn er kann das Kind gestalten
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Männlich, weil wir im Gebet
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Ihn um dieses angefleht.

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Wenn's auch gegenteilig wäre,
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Ihm sei Lob und Preis und Ehre!
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Immer kommt es, wie es muß.
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Hosianna! Amen! Schluß!«

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Schon bedeutend objektiver
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Sprach Professor Doktor Kiefer:
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»neunmal dreißig Tage sind
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Das Normale für ein Kind.

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Doch bei Fürsten wie bei Bauern
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Kann es manchmal länger dauern;
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Machen wir daraus kein Hehl,
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Öfter schlägt es gänzlich fehl.

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Kurz, man kann nichts überstürzen,
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Nichts verlängern, nichts verkürzen;
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Neunmal dreißig ist als Zahl
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Nur die Regel und normal.

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Kommt ein Kind, dann unausbleiblich
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Ist es männlich oder weiblich,
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Welches aber von den zwein,
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Weiß der Arzt erst hinterdrein.«

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Wissenschaft und frommes Hoffen
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Ließen so die Frage offen,
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Die bei Hof und auch im Land
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Viele auf die Folter spannt.

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Niemand hat so schwer empfunden
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Die erwartungsvollen Stunden
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Wie der Hohenzollernaar,
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Weil er hauptbeteiligt war.

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Spähend muß er sitzen bleiben,
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Daß sich ihm die Federn sträuben,
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Während er sich Zweifel macht,
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Ob es hunderteinmal kracht.

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Mancherlei Prophetenzeugnis
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Hört man über das Ereignis.
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Meistens günstig; unterweil
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Sprach man auch das Gegenteil.

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Eine gute Frauenseele
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Namens Probst in Hundekehle
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War noch im besondern klug,
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Auch indem sie Karten schlug.

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Bei der Nacht, wo sie erwachte
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Und an ihren König dachte,
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Sah sie deutlich überm Bett
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Etwas, was die Mannsform hätt'.

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Als sie's näher wollt' erkunden,
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War es plötzlich weg, verschwunden,
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Und da ward ihr offenbar,
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Daß es bloß ein Zeichen war.

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Auch bei Kulickes in Zossen
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Legt ein Huhn ganz unverdrossen
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Jedesmal ein männlich Ei,
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Daß es drin ein Gockel sei.

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Während dieser Wartepoche
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Hat Herr Goldstein für die »Woche«
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Den Artikel reserviert,
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Falls das Kind ein Knäblich wird.

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Er beschrieb mit Dichtergabe,
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Welche Freude alles habe
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Von der Hütte bis zum Thron.
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Dann beschrieb er auch den Sohn.

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Dann beschrieb er auch mit Rührung
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Gottes gnadenreiche Führung.
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Und dann legt' er mit Geduld
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Den Artikel in das Pult.

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Als es immer länger währte
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Und die Ungeduld sich mehrte,
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Kam der Aar zum Storch heran,
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Und er haucht ihn grimmig an.

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Ob er weiß, um was sich's handelt,
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Daß er so gemächlich wandelt?
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Ob es nicht für Majestät
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Ganz bedeutend fixer geht?

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Fischt vielleicht man in den Binsen
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Nur so nebenbei die Prinzen?
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Ob man nicht die Ehre kennt?
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Himmel Herrgottsakrament!

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Als der Storch es ganz vernommen,
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Ist er zornig heimgekommen,
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Und er sprach mit voller Kraft:
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»dieser Aar ist lümmelhaft.«

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»ja, gewiß, er ist ein Flegel,«
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Sagt Frau Störchin, »in der Regel
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Kommt das bei den Großen vor,
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Du mußt klug sein, Adebor!

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Du bist fein, und deinesgleichen
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Kann mit Grobheit nichts erreichen,
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Denn er gibt's zurück mit Zins.
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Bring ihm doch den Zollernprinz!«

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Und so kam's. Nach wenig Tagen
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Hat die Weihestund' geschlagen;
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In dem Hohenzollernschloß
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Gab es einen Kaisersproß.

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Was die Witwe Probst gesehen,
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Ist in Wirklichkeit geschehen,
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Und Herr Pastor Demmel sprach:
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»das Gebet hilft allgemach.«

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Und in Preußen herrschte Wonne,
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Und die Wolke wich der Sonne,
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Und Herrn Kulicke sein Ei
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Hatte recht auch nebenbei.

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Und auch Goldstein freut's erheblich:
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Was er über diesen Knäblich
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Ahnungsvoll der »Woche« schickt,
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Ward bezahlt und fett gedrückt.

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Und die alten Generäle
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Schlürften in die Königssäle,
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Und sie flüstern sich ins Ohr:
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»hohenzollernblut hält vor.

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Det jibt wieder en Soldaten
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Jut jebaut und wohl jeraten,
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Immer stramm und immer stramm;
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's is en janz famoser Stamm.

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Tja, da kann woll jar nischt jegen;
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Immer fix mit Kindersegen!
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Heirat und gleich schwuppdi bum! –
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– Pst! Man dreht sich nach uns um.«

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Auch zwei alte Kammerchaisen
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Sind voll Wonnigkeit gewesen,
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Und sie pispern hinterrücks
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Über diesen Fall des Glücks.

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»ha, mon Dieu! Und so was Rundes,
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Dickes, Fettes und Gesundes!
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Teure Gräfin, sehn Sie dies?
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Wie entzückend! Hoh! Wie süß!«

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»hat es schon?« – »Gewiß, Komtesse!
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In dem Bettchen war noch Nässe.«
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»teure Gräfin sahen dies?«
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»nu natürlich!« – »Hoh, wie süß!«

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Preußens ganze Königstreue
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Zeigte heute sich aufs neue,
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Sie erschien im Volksgedräng
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Und im Frack und Eskarpäng.

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Unter ihrem Schiffhut schworen
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Altgediente Direktoren,
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Daß sie auch dem neuen Kind
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Fürchterlich ergeben sind.

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Richter, Schreiber, Staatsanwälte
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Legen ab die Herzenskälte,
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Öffnen ihre enge Brust
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Froher Untertanenlust.

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Und in manchem Sekretäre
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Lag die Ahnung heut, er wäre
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Zu Verschiedenem imstand
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Für sein teures Vaterland.

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Auch in den Kasernen waren
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Aufgestellt Rekrutenscharen.
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Heute wurde nicht geschimpft,
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Sondern Treue eingeimpft.

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Daß der Tag auch den Soldaten
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Heilig bleibe, gab es Braten.
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Feiernd seinen Herrscherstamm
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Aß ein jeder hundert Gramm.

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Kurz und gut, im Lande Preußen
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Wollt' ein jeder sich befleißen,
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Daß der Tag auch feierlich
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Und mit Würdigkeit verstrich.

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Doch wie waren die Gefühle
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Weiter südlich? Ziemlich kühle.
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Oben höflich, aber flau,
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Unten ganz beträchtlich mau.

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Der Fassadenmaurer Huber
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Stand an seinem Mörtelzuber;
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Als man ihm die Nachricht bracht',
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Hat er sich nichts draus gemacht.

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Holte seine Tabakflasche
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Aus der linken Westentasche,
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Sagte: »Was? A Preuß? A Prinz?
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Ja, was kümmert denn dös ins?

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Dös bekümmert ins ganz wenig;
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Der werd halt amal a König
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Bei die Preußen. Net bei ins.
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So? Da ham s' an neuen Prinz?«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Thoma
(18671921)

* 21.01.1867 in Oberammergau, † 26.08.1921 in Tegernsee

männlich, geb. Thoma

natürliche Todesursache | Magenkarzinom

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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