Der Tanz

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Ludwig Thoma: Der Tanz (1894)

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Das Tanzen gilt als ein Vergnügen,
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Bei dem sich zwei zusammenfügen,
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Und sich – statt gradeaus zu gehen –
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Nach links und rechts im Kreise drehen.

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Wenn wir sein Wesen recht erkennen,
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Wird man das Tanzen Arbeit nennen,
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Man hat den triftigsten Beweis
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In dem dabei vergossnen Schweiß.

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Hier untersucht nun der Gelehrte:
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Zum ersten schafft sie keine Werte,
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Zum zweiten aber hat davon
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Der Arbeitnehmer keinen Lohn.

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Er dreht von acht bis morgens fünfe
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Und immer gratis eine Nymphe.
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Dies bildet doch ein Unikum!
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Und deshalb frage ich: warum?

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Erfolgt es wirklich unentgeltlich?
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Geschieht es nicht doch vorbehältlich?
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Entledigt man sich seines Speckes
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Ganz ohne Hinblick eines Zweckes?

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Hier ist der Angelpunkt der Frage,
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Und ihre Lösung tritt zutage:
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Der Tänzer leistet nur so viel
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In Hoffnung auf ein Nebenziel.

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Es kann sich jede Nymphe denken,
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Wenn Männer sie im Kreise schwenken,
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So hofft er schließlich, daß vielleicht
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Er das Betreffende erreicht.

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Es gibt natürlich Unterschiede:
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Der eine sucht es bona fide,
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Der andre will als Schmetterling
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Die Blume ohne Ehering.

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Im Bürger- und Familienkränzchen
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Verbirgt der Teufel schlau sein Schwänzchen,
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Auch ist die Mutter nah dabei,
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Damit es niemals lüstern sei.

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Man hält sich zart in der Bewegung,
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Man unterdrückt die schlimmste Regung
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Und ist voll Ernst, indem man spricht
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Von Ideal, Beruf und Pflicht.

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Beim Walzer hält man sich manierlich,
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Nie leidenschaftlich, immer zierlich.
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Das Zeichen, daß man sich was denkt,
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Ist auf den Händedruck beschränkt.

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Das Auge schweift voll Seelenadel
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Kaum einmal auf die Busennadel,
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Und stößt im Drehen Bein an Bein,
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So muß es unversehens sein.

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Der Ball der gut erzognen Töchter
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Dient auch zum Finden der Geschlechter,
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Doch sucht hier alles die Partie;
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Die Sinnenfreude sucht man nie.

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Die Mädchen sind bloß »heimzuführen«
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Und deshalb ausgestellt. Berühren
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Darf sie der Käufer hinterdrein.
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So ist 's reell und sittenrein.

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Wie anders denkt man auf dem Lande
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Beim kernhaft echten Bauernstande!
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Hier prüft man erst den Vorgeschmack
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Und kauft die Katze nicht im Sack.

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Hier kann man schon den Zweck verstehen,
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Wenn sich im Dorf die Paare drehen.
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Des biedern Burschen große Hand
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Ruht auf dem schönsten Gegenstand.

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Dort, wo es sich nach hinten rundet,
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Hat er durch festen Griff erkundet,
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Daß mancherlei vorhanden ist,
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Was er nicht gerne hier vermißt.

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Sein starker Druck gilt ihr als Zeichen,
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Er möchte erst noch mehr erreichen.
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Sie lacht. Geschlossen ist der Bund.
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Ich heiße dieses kerngesund.

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Hat sie ein nettes Tanzvergnügen,
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Warum soll er nicht seines kriegen?
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Und trinkt sie mit von seinem Bier,
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So wär' es auch nicht schön von ihr.

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Ja, meine Herren, das ist sicher
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Viel edler und viel säuberlicher,
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Als, den ich oben erst beschrieb,
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Der Heirats- und Versorgungstrieb!

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Und sprecht mir nicht von Ehrbegriffen!
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Aufs Standesamt ist schon gepfiffen,
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Natur genügt uns auch allein;
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Nicht alles muß gestempelt sein.

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In Schwabing auf dem Bauernballe
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Begegnet man dem gleichen Falle.
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Das Künstlervolk denkt auch so groß
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Und ehebundsbedürfnislos.

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Dem Malweib in Reformkostümen
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Ist das besonders nachzurühmen.
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Die Malerin braucht kein Papier,
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Der Amor kommt auch so zu ihr.

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Sie geht zum Ball als Gänseliesel;
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In kurzen Hosen kommt der Hiesel,
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Mit rauhem Griffe packt er sie
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Und hat schon ihre Sympathie.

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Ein Juhschrei und ein falscher Schnalzer,
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Dann dreht er sie im wilden Walzer,
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Und merkt beim ersten Schritt: Wie nett!
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Das Mädel trägt ja kein Korsett!

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Und was ihm da entgegenschwabbelt,
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Ist wunderhübsch; das kribbelt, krabbelt
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Und macht ihm einen Hochgenuß,
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Daß er sie schleunigst küssen muß.

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Und rechts und links ein wildes Stampfen,
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Die Paare drehn, die Paare dampfen,
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Beim Liesel hüpft es hin und her,
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Der Hiesel spannt 's und freut sich sehr.

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Die rechte Hand verirrt sich schmeichelnd,
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Ganz unvermerkt den Busen streichelnd,
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Und Liesel duldet 's ohne Groll,
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Sie schaut verwirrt und seelenvoll.

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Die Tour ist aus. Die Malerinnen
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Sind nun schon alle fast von Sinnen,
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Die Liebe schwillt, die Sehnsucht platzt,
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Daß Lippe fest auf Lippe schmatzt.

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Dann eine Maß in Kellerräumen;
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Man heißt den Zustand »Selig träumen«,
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Wenn er ihr Bein berührt, damit
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Sie ihn auf seinen Plattfuß tritt.

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Schon wird sie kühn und ausgelassen
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Und läßt ihn dies und jenes fassen.
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Sie schmilzt in heißem Liebesdurst,
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Der Ehrbegriff ist ihr schon wurst.

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Und wird der Hiesel sie verstehen,
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Dann kann er jetzt nach Hause gehen.
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Die Welt erlebt ein Ärgernis
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Mit Sündenfall und Apfelbiß.

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Sie schleichen still im Morgendämmern
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Durch Schwabing. Ihre Pulse hämmern,
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Sie stehen schon vor seinem Haus.
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Schutzengel, komm! Sonst ist es aus.

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Der Engel, ach! ist ausgeblieben,
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Das andre denkt euch, meine Lieben!
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Im vierten Stock ein Atelier
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Und bloß ein schmales Bett – adje!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Thoma
(18671921)

* 21.01.1867 in Oberammergau, † 26.08.1921 in Tegernsee

männlich, geb. Thoma

natürliche Todesursache | Magenkarzinom

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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