D' Marie

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Ludwig Thoma: D' Marie (1894)

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Maria Seibold war nun schon
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Drei Jahre in der Kondition
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Als Kellnerin beim Hackerbräu.
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Auch war sie fleißig, ehrlich, treu.

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Das Leben einer Kellnerin
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Fließt nicht in lauter Unschuld hin.
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Die Gäste werden leicht frivol,
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Beeinflußt durch den Alkohol.

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Sehr häufig zeigt ein alter Mann
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Gefühle, die er nicht mehr kann;
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Die Zote ist der letzte Trieb,
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Der ihm von allem übrigblieb.

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Die Kellnerin ist das Objekt
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Für Witze, die man sonst versteckt,
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Wie meckert so ein alter Greis,
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Wenn er was Ordinäres weiß!

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Wie herzlich lacht der Großpapa,
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Und tut hihi und tut haha!
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Und denkt sich, eine Kellnerin
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Nimmt jeden Unflat gerne hin.

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In dieser Welt der Sinnenlust
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Blieb Marie immer selbstbewußt,
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Was sie vernahm, war oft gemein,
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Jedoch ihr Herz blieb sittenrein.

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Kein Fähnrich und kein Korpsstudent
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Erschütterte ihr Fundament.
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Ja selbst der schönste Offizier
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Erreichte niemals nichts bei ihr.

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In ihrem Busen war kein Platz
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Für Liebe oder einen Schatz.
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Sie blieb das ganze Jahr allein
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Und mochte nicht und sagte »nein«.

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Indessen, wer es recht versteht,
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Der weiß ja selber, wie das geht,
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Die Tugend ist ein Zwangssystem
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Und insofern nicht angenehm.

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Ihr Gegenteil ist ein Genuß;
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Man hat sie bloß, weil man sie muß,
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Man gibt sie weg, sobald man kann,
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Es fragt sich nur: mit wem und wann.

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Er hieß mit Namen Konstantin
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Und kam durch einen Zufall hin.
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Als Maler brauchte er Kredit
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Und teilte es dem Mädchen mit.

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Sie pumpte ihm. Man weiß es ja:
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Vertrauen bringt die Herzen nah,
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Und so erwachte auch für sie
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Der erste Keim der Sympathie.

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Ein Weib fühlt stets für einen Mann,
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Dem es mit etwas helfen kann,
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Die Regung schöner Zärtlichkeit,
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Die dann naturgemäß gedeiht.

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Das Wohlgefallen wächst an Kraft,
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Die Neigung wird zur Leidenschaft,
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Und wenn das Schicksal sie nicht trennt
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Kommt das geschlechtliche Moment.

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Auch hier in dem besondern Fall
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Ging es wie stets und überall.
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Am dritten Tag war Konstantin
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Das Ideal der Kellnerin.

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Er selber nahm es mehr als Scherz,
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Denn ein erprobtes Männerherz
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Gibt mancherlei Gefühlen Raum
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Und tändelt bloß und merkt sie kaum.

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Indessen auch im leichten Spiel
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Verfolgt man das bewußte Ziel,
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Das jenseits von der Tugend liegt,
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Die selten kämpft und niemals siegt.

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Natürlich nahm es Konstantin
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Als ziemlich selbstverständlich hin,
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Daß sie ihm gern und liebevoll
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Das Allerbeste opfern soll.

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Sie sträubte sich; doch war der Ton
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Mit dem sie's tat, Gewährung schon.
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Es klang in das verschämte »Nein«
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Ganz leise hörbar »ja« hinein.

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»o Marie, tu nur zimperlich:
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Was wetten wir, ich kriege dich.«
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So sprach sehr oft der Konstantin,
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Indem er heimging, vor sich hin.

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Die Zeit für einen Sündenfall
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Ist sicherlich der Karneval,
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Man hat den Ort, man hat die Zeit,
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Verführung und Gelegenheit.

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Man sagt ganz harmlos: »Ach herje,
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Wie wär's mit einem bal paré.«
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Man bietet sich zum Schutze an,
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Damit das Mädchen gehen kann.

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Das arme Ding, das gar nicht ahnt,
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Was man so nebenbei noch plant,
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Sagt höflich: »Ja, da gehen wir.«
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Es denkt nur an das Tanzpläsier.

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Das Lamm, das auf der Wiese springt,
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Folgt seinem Metzger unbedingt
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Und denkt an keine arge List,
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Bis daß es dann geschlachtet ist.

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Der Schmetterling fliegt in das Licht
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Und denkt an keine Folgen nicht;
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Der Vogel merkt den Leim erst dann,
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Wenn er nicht mehr von hinnen kann.

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Und kurz und gut, manch schönes Kind
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Ist harmlos, wie die Tierchen sind.
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So fiel auch Marie ohne Arg
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Und Ahnung in den Tugendberg.

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Die Geige klingt, die Flöte pfeift,
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Wie so ein Walzer uns ergreift!
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Das Herz des Mädchens quillt empor,
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Es kommt ihm alles göttlich vor.

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Tira – la – lala – ach wie gut.
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Es klopft der Puls, es wallt das Blut.
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Er tanzt auch links mit viel Geschick,
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Und immer feuchter wird der Blick.

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»mein Herr, Sie tanzen gar zu eng.«
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»das kommt von selber im Gedräng'.
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Entschuldigung, das war mein Knie.
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Ich höre auf.« »Nein, bleiben Sie.«

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Wie sich das Arm im Arme wiegt!
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Wie sich das Herz am Herzen liegt!
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»bist du mir gut?« »So sei doch still.«
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»nein, sag mir, was ich wissen will!«

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Es rötet sich das Angesicht.
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»ach, Konstantin, ich sag' es nicht,
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Ach, Konstantin, du weißt es schon!«
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Da schweigt der süße Geigenton.

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Sie ist erschöpft. Ein Gläschen Sekt
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Erleichtert ihm, was er bezweckt,
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Es kommt nun, wie es kommen muß,
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Ein langer Kuß, und noch ein Kuß.

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»um Gottes willen, Konstantin!
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Wo denken Sie denn wirklich hin?«
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»und sträube dich nicht immerzu,
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Es gibt kein ›Sie‹, wir sagen ›du‹.«

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Im Palmengarten wird es schwül,
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Es steigert sich das Lustgefühl;
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Wie sich ihr Busen hebt und senkt!
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Ihr Auge sagt, was sie sich denkt.

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O Marie, du bist auf der Bahn,
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Die abwärts führt. So geht es an.
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Ein Kuß ist so gefährlich nicht,
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Doch schlimm ist das, was er verspricht.

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Sie schmatzen wieder. Tätere–tä!
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Man bläst das Zeichen zum Fraßä
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Autsch Mädchentugend! Autsch Marie!
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O kehre um! Jetzt oder nie!

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Sie bleibt und spricht der Sitte Hohn.
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Ihr guter Engel ist entflohn,
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Und nun entwickelt sich im Saal
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Das wohlbekannte Bacchanal.

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Es steigern sich bei jeder Tour
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Die wilden Triebe der Natur;
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Es fliegt das Bein, es fliegt der Rock,
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Ein jeder Jüngling wird ein Bock.

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Beim Tanze, da gilt keine Kunst.
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Man dreht sich nur in toller Brunst,
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Man jauchzt besessen, schreit und stampft,
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Man lacht und brüllt und schwitzt und dampft.

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Du süße Unschuld, lebe wohl!
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Das andre macht der Alkohol.
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Du hast's erreicht, mein Konstantin!
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Sie ist verloren. Nimm sie hin!

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Und bei dem letzten Flötenpfiff
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Erlosch ihr letzter Schambegriff,
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Sie duldet jeden Händedruck,
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Verzichtet auf den Tugendschmuck.

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Und das Programm entwickelt sich,
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Verliebt, begehrlich, liederlich,
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Sie ißt noch Weißwürscht, geht zu ihm.
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Nun sind ja wieder zwei intim.

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Maria ist nach dieser Nacht
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In seinem Atelier erwacht,
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Und von derselben Stunde an
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Geriet sie auf die schiefe Bahn.

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Sie schäkert jetzt mit jedem Gast
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Und freut sich mehr als jede fast,
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Wenn so ein ordinärer Greis
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Am Stammtisch was Gemeines weiß.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Thoma
(18671921)

* 21.01.1867 in Oberammergau, † 26.08.1921 in Tegernsee

männlich, geb. Thoma

natürliche Todesursache | Magenkarzinom

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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