Lilly

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Ludwig Thoma: Lilly (1894)

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Sie stammte wohl aus Hamburgs Mauern,
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Das dorten an der Elbe liegt,
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Und hat zu mancher Leut' Bedauern
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In München hier ein Kind gekriegt.

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Die Mutter als gebor'ne Holle
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Vermählte sich mit Menk & Sohn;
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Er handelte en gros in Wolle,
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Und Lilly war das Kind davon.

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Bemerkt sei, daß der Elternvater
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– Und zwar derjen'ge mutterseits –
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Auch mitregierte als Senater
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Vor siebzig Jahren schon bereits.

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In einer solchen Geldfamil'che
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Kann nur der Anstand heimisch sein;
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Man zieht ihn mit der Muttermilche
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Als selbstverständlich mit hinein.

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Es war nun Lilly auch in Liebe
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Zur schönheitsreichen Kunst entbrannt,
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Und sie entwickelte die Triebe
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Teils ölgemalt, teils angewandt.

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In solchen Fällen des Talentes
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Zieht alle Welt nach München her,
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Zum Studium des Ornamentes,
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Zur Kunst im Handwerk in die Lehr'.

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Auch Lilly Menk war angekommen
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Voll Eifer und Bemalungssucht.
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Wie hat ein Ende es genommen
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Mit illegaler Leibesfrucht?

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Wenn man 'nem Kind das Beste bietet,
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Dann glaubt man, es wird keusch und klug;
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Doch Lilly hat sich eingemietet
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In Schwabing, und das sagt genug.

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Hier ging sie zu dem Malprofesser,
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Wo sie den Geist der Kunst erfuhr,
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Das Stilgefühl als Schönheitsmesser,
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Die Ohrenschneckenhaarfrisur.

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Auch sonst begann sie sich zu ändern,
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Als an der Freiheit sie genippt,
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Sie ging jetzt in Reformgewändern,
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In denen leicht der Busen schwippt.

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Und mit den andern Kunstbefliss'nen
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Versank sie tiefer in den Sumpf,
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Ging öfter aus mit 'nem zerriss'nen
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Und durchgebrochnen Seidenstrumpf.

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Sie trug mit größter Seelenruhe,
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Noch eh' ein Vierteljahr verging,
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Die abgelatschten Knöpfelschuhe
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Und achtete es ganz gering.

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Ein Weib verliert den Grundcharakter,
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Wenn es den Ordnungssinn verliert;
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Die Tugend scheint ihm abgeschmackter,
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Sein fester Halt wird demoliert.

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Man sieht es bald ins Laster hüpfen
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Mit einem kühnen Sprunggelenk.
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Nun lasset mich den Schleier lüpfen
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Von unsrer armen Lilly Menk!

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Sie nahm sich Atelier und Zimmer
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Im vierten Stock mit eigner Tür,
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Da gibt Gelegenheit sich immer
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Zu der und jener Ungebühr.

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Erst wußte sie wohl selbstverständlich,
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Da sie aus Hamburg war, es nicht:
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In dieser Stadt ist unabwendlich
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Die Keuschheit eine Lebenspflicht.

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In München ist es nicht dasselbe,
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Hier kann man vieles eher tun
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Als wie in Hamburg an der Elbe
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Als unerfahr'nes dummes Huhn.

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Es war gerad' in jenen Tagen,
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Da sich der Karneval erhob,
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Wo das Vergnügen sozusagen
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Sich in die Mädchenherzen schob.

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Redouten, Bälle, Künstlerfeste,
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Der Bal paré noch obendrein,
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Wie kann dagegen selbst die Beste
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Und Keuscheste gepanzert sein?

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Nicht weit von ihr wohnt' ein Schlawiner,
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Ganz ohne Geld und Broterwerb,
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Sein Vater wirkte als Rabbiner,
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Er selbst war nichts als bloß ein Serb'.

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Doch trug er lange schwarze Haare
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Und eingeschmiert mit Nierenfett.
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Ein Mädchen sieht darin das Wahre
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Und findet es auch wundernett.

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Sein Angesicht war nicht gewaschen,
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Doch lag darin ein stiller Schmerz;
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Der kam von leeren Hosentaschen
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Und rührte jedes Frauenherz.

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Man muß dazu aus Hamburg stammen
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Und unverstand'nes Mädchen sein,
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Dann steht man gleich in hellen Flammen
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Für ein Schlawinermoschusschwein.

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Wenn nur die Reinlichkeiten fehlen,
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Was liegt der Malerin daran?
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Für hochgestimmte Künstlerseelen
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Ist Seife bloß ein leerer Wahn.

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Nach diesem hier Vorausgeschickten
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Will ich bemerken, daß sie sich
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Zum erstenmal ins Auge blickten
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Bei Klarinett und Geigenstrich.

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Bei einem Künstlerlumpenballe
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Ergab sich dieses Resultat,
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Daß Lilly Menk in ihrem Falle
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Vom Unschuldspfad danebentrat.

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Ach Gott! Man kann im großen ganzen
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Die armen Mädchen schon verstehn,
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Wenn die Prinzipien beim Tanzen
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Bei ihnen aus dem Leime gehn.

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Das junge Blut muß sich erhitzen,
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Das Herz ist sowieso entblößt,
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Und bei dem fortgesetzten Schwitzen
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Wird schließlich alles aufgelöst.

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Und die verfluchten Walzertakte!
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Die sind die rechte Melodie
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Zum illegalen Trauungsakte
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Und zur verbot'nen Lustpartie!

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Wer dieses einmal recht begriffen,
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Das Tralala im Wiegeschritt,
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Hat auf die Tugend bald gepfiffen
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Und gibt sie preis, i gitt, i gitt!

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Als Lilly sich an Mirko drückte,
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Vergaß sie alles ganz und gar,
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Was sich für sie und Hamburg schickte,
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Und was ihr früher heilig war.

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Sie spitzte ihre Rosenlippen,
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Er spitzte auch sein fettes Maul,
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Die Unschuld mußte überkippen,
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Die Keuschheit war im Kerne faul.

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Und Walzer, Schottisch und Française,
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Ein Knutschen hier, ein Knutschen dort,
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Wie sich das alles sachgemäße
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Entwickelte so fort und fort!

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Sie saßen in der großen Pause
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Schon hinter einem Tannenbaum.
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Zuletzt ging er mit ihr nach Hause,
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Und da begann ihr Liebestraum.

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Vorbei war's mit den Stilgefühlen,
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Sie mußten schweigen. Vorderhand
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Hat sie die Kunst nicht mehr an Stühlen
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Und an Kommoden angewandt.

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Für Teppich- und Tapetenmuster
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Erlosch ihr Malerinnensinn,
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Sie liebte täglich unbewußter
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Und sah das wahre Glück darin.

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Sie sprach nicht mehr von Farbenflecken,
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Nicht mehr von »echt«, nicht mehr von »Kitsch«;
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Sie wollte nur zusammenstecken
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Mit Mirko Stanko Dobrowitsch!

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Den Schluß kann man sich selber denken;
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Von sowas kommt ein Kind davon,
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Doch schwerer ist's, sich zu versenken
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In das Gefühl von Menk & Sohn.

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Die Mutter als gebor'ne Holle
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War trostlos oder desperat
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Und wußt' nicht, was sie sagen solle,
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Daß

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Als Enkelin von 'nem Senater
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Jetzt eine Serbengroßmama!
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Und ähnlich dachte auch der Vater,
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Sobald er die Bescherung sah.

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Indes, man muß es mal goutieren,
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Und wenn es noch so häßlich röch'!
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Und muß die Sache korrigieren.
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Vielleicht durch eine Hochzeit? Nöch?

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Nun wurde Lilly eine Serbin,
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Denn Mirko dachte sich als Mann,
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Daß man mit Geld und einer Erbin
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Am Ende schöner leben kann.

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Wie lange sie am Honig schlürfen?!
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Und was es für ein Ende nimmt??!
171
Doch, daß sie
172
Das weiß ich heute schon bestimmt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Thoma
(18671921)

* 21.01.1867 in Oberammergau, † 26.08.1921 in Tegernsee

männlich, geb. Thoma

natürliche Todesursache | Magenkarzinom

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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