Das Abenteuer des Gymnasiallehrers

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Ludwig Thoma: Das Abenteuer des Gymnasiallehrers (1894)

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In Freising lebte ein Professer,
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Der nicht aus Zufall Josef hieß;
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Nein, er verdient den Namen besser
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Durch alles, was er unterließ.

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Ein Philolog und deutscher Gatte,
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Kannt' er die Liebe nur als Pflicht,
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Die Zweck zur Volksvermehrung hatte,
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Doch keine andern Reize nicht.

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Nun hörte er von den Kollegen,
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Wie man in München sich ergötzt.
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Er war schon im Prinzip dagegen,
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Und war im Vorhinein verletzt.

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Er suchte gleich in diesen Bildern
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Den eigentlichen Wesenskern,
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Um sie mit Abscheu dann zu schildern;
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Denn alles andre lag ihm fern.

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Doch als er sich damit befaßte,
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Beschloß er auch, dorthin zu gehn,
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Um dieses Treiben, das er haßte,
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Sich einmal gründlich anzusehn.

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Und so kam Josef an die Stätte,
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Wo Bacch- und Venus sich vereint,
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Wo unsre Scham – wenn man sie hätte –
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Am Grabe unsrer Unschuld weint.

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An hundert hochgewölbte Büsten
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Umtanzen uns und drängen her,
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Und will man
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So sieht man

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Die Sittlichkeit ist hier nur Fabel,
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Und jeder merkt, hier weilt sie nie.
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Das Auge schweift bis an den Nabel,
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Und weiter schweift die Phantasie.

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Ein Rausch kommt über Josefs Sinne,
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Und ihn ergreift ein Schönheitsdurst.
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Mit einmal sind ihm deutsche Minne
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Und deutsche Treue ziemlich wurst.

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Er stürzt sich in die Freudenwoge
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Und fragt ein Mädchen: »Willst auch du?«
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Sie sagt: »Sie sind wohl Philologe?
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Man kennt's am abgelatschten Schuh;

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In Ihrem Barte hängen Reste
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Von Linsen und von Sauerkohl!
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Ich danke Ihnen auf das beste,
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In mir – da täuschen Sie sich wohl?«

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Mein Josef konnte es nicht fassen,
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Was seiner Tugend widerfuhr;
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Er wollte sich herunterlassen –
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Und dem Geschöpf mißfiel es nur!

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Schon fühlt' er Ekel vor dem Treiben
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Und fühlt' sich von Moral umweht;
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Man kann ja niemals reiner bleiben,
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Als wenn ein Mädchen uns verschmäht.

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Indessen war im Schicksalsfügen
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Für Josef Härtres aufgespart.
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Er stürzte nochmal ins Vergnügen
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Und kämmte vorher seinen Bart.

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Das zweite Mädchen – angesprochen –
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Hatt', etwas minder preziös,
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Mit manchem Vorurteil gebrochen
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Und sagte bloß: »Ach, Sie sind bös!«

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Mit dessen Gunst er sichtlich prahlte,
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Und beide waren herzlich froh!

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Wie ein Moralprinzip verschwindet
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Selbst aus dem stärksten Intellekt,
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Wenn man ein hübsches Mädchen findet
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Und eine Flasche guten Sekt!

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Auch Josef mußte dies erfahren,
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Und an sich selbst sah er die Spur
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Der ewig gleich unwandelbaren,
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Das All beherrschenden Natur.

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Schon wollt' er sich im Walzer drehen
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Und sucht' im Tanze den Genuß;
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Doch mußte er sich eingestehen,
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Daß man auch dieses lernen muß.

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Er mühte schwitzend sich im Kreise,
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Er drehte sich nach rechts und links,
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Versucht's auf die und andre Weise
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Und fand's unmöglich schlechterdings.

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Er wußte zwar von den Hellenen,
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Wie man im Auftakt sich bewegt,
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Doch lernt' er leider nicht bei jenen,
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Wie man das Schwergewicht verlegt.

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Mit stattlichem Gelehrtenschuhe
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Trat er dem Mädchen auf die Zeh';
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Sie bat ihn flehentlich um Ruhe,
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Denn auf die Dauer tut es weh.

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So blieb ihm nichts mehr, als zu trinken;
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Er war Germane, und er trank
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Und durft' in Seligkeit versinken
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Mit seinem Mädchen, und versank.

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Er dacht' an Bacchus und Tribaden,
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Wie so der Wirbel um ihn schwoll;
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Schon fühlte er die zarten Waden,
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Und wurde glücklich, – wurde voll.

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Es jauchzt um ihn mit gellen Tönen,
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Ein jeder Busen atmet wild,
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Die Haare lösen sich der Schönen,
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Und immer wilder wird das Bild.

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Ein Prosit allen, die sich lieben!
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Und Evoë für jede Braut!

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Was ist Moral! Nur eine Blase,
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Steigt kränklich im Gehirne auf.
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Die Sünde kommt uns in die Nase
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Und nimmt von selber ihren Lauf.

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Et cetera! So ging es weiter.
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Was hilft die Philologenzunft!
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Auch Professoren werden heiter
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Und werden wild in ihrer Brunft.

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Nach so viel Sekt und Süßigkeiten
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Schmeckt uns die Weißwurst und das Bier.
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Der Abschluß ist das Heimbegleiten
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Für jedes Paar. Warum nicht hier?

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Auch Josef saß in einem Wagen
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Und fühlte, wie an ihn sich preßt',
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Was hier nicht unbefangen sagen,
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Doch sich sehr einfach denken läßt.

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Er fühlte seine Pulse hämmern,
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Doch wußt' er nicht, was sonst geschah;
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Denn seinen Sinn umfing ein Dämmern,
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Daß er nichts mehr Genaues sah.

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Er stolpert hastig über Stiegen
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Und fällt auch irgendwo ins Bett,
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Und muß sehr lang darinnen liegen –
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Das übrige war wundernett.

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Er hat die Zeit bis abends sieben
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Bei diesem Mädchen zugebracht,
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Und fuhr alsdann zu seinen Lieben
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Nach Freising etwa um halb acht.

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Als er daheim nun angelangte,
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War er von solcher Müdigkeit,
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Daß seine Frau um ihn sich bangte;
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Sie macht' das Bett für ihn bereit.

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Und Josef hat sich ausgezogen
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Und sprach, daß er erkältet sei,
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Und hat noch dies und das gelogen,
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Denn eine Frau frägt vielerlei.

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Daß Lügen kurze Beine tragen,
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Das zeigte sich hier wunderbar;
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Denn Josef ward so ganz geschlagen,
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Daß hier für ihn kein Ausweg war.

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Er trug – da gibt es kein Entrinnen
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Und kein Erklären so und so –
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Er trug aus duftig weißem Linnen
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– – Das Höschen seines Domino – –!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Thoma
(18671921)

* 21.01.1867 in Oberammergau, † 26.08.1921 in Tegernsee

männlich, geb. Thoma

natürliche Todesursache | Magenkarzinom

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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