Arm oder reich

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Theodor Fontane: Arm oder reich (1895)

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»sagen Sie, sind Sie dem lieben Gold
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In der Tat so wenig hold,
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Blicken Sie wirklich, fast stolz, auf die Hüter,
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Aller möglichen irdischen Güter,
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Ist der Kohinoor, dieser ›Berg des Lichts‹,
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Ihnen allen Ernstes nichts?«
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So stellen zuzeiten die Fragen sich ein,
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Und ich sage dann »ja« und sag' auch »nein«.

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Wie meistens hierlandes die Dinge liegen,
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Bei dem Spatzenflug, den unsre Adler fliegen
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(nicht viel höher als ein Scheunentor),
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Zieh' ich das Armsein entschieden vor.

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Dies Armsein ist mir schon deshalb genehmer,
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Weil für den Alltag um vieles bequemer.
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Von Vettern und Verwandtenhaufen
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Werd' ich nie und nimmer belaufen,
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Es gibt – und dafür will Dank ich zollen –
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Keine Menschen, die irgend was von mir wollen,
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Ich höre nur selten der Glocke Ton,
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Keiner ruft mich ans Telefon,
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Ich kenne kein Hasten und kenne kein Streben
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Und kann jeden Tag mir selber leben.

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Und doch, wenn ich irgend etwas geschrieben,
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Das, weil niemand es will, mir liegen geblieben,
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Oder wenn ich Druckfehler ausgereutet,
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Da weiß ich recht wohl, was Geld bedeutet,
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Und wenn man trotzdem, zu dieser Frist,
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Den Respekt vor dem Gelde bei mir vermißt,
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So liegt das daran ganz allein:
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Ich finde die Summen hier immer zu klein.

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Was, um mich herum hier, mit Golde sich ziert,
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Ist meistens derartig, daß mich's geniert;
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Der Grünkramhändler, der Weißbierbudiker,
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Der Tantenbecourer, der Erbschaftsschlieker,
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Der Züchter von Southdownhammelherden,
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Hoppegartenbarone mit Rennstallpferden,
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Wuchrer, hochfahrend und untertänig –
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Sie haben mir alle viel viel zu wenig.

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Beginnt erst beim Fürsten Demidoff,
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Bei Yussupoff und bei Dolgorucky,
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Bei Sklavenhaltern aus Süd-Kentucky,
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Bei Mackay und Gould, bei Bennet und Astor,
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– Hierlandes schmeckt alles nach Hungerpastor –
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Erst in der Höhe von Van der Bilt
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Seh' ich
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Der Nil müßte durch ein Nil-Reich laufen,
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China würd' ich meistbietend verkaufen,
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Einen Groß-Admiral würd' ich morgen ernennen,
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Der müßte die englische Flotte verbrennen,
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Auf daß, Gott segne seine Hände,
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Das Kattun-Christentum aus der Welt verschwände.
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Sonst bin ich für Brot in die Suppe brocken.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Theodor Fontane
(18191898)

* 30.12.1819 in Neuruppin, † 20.09.1898 in Berlin

männlich, geb. Fontane

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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