Brunnenpromenade

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Theodor Fontane: Brunnenpromenade (1890)

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Als ich ankam, Johannistag war grade,
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Gleich ging ich auf die Brunnenpromnade.
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Kaum wollt' ich meinen Augen traun,
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So viel des Herrlichen war da zu schaun,
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Eine lange Reihe der schönsten Damen,
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Wer zählt die Völker, wer nennt die Namen!

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Eine ganz Teint und Taille war,
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Aschblond das schlicht gescheitelte Haar,
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Blendende Zähne, feines Kinn,
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Typus einer Engländerin,
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Aber solcher, die palankin-überdacht
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Weit draußen ihre Tage verbracht,
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In Hongkong oder Singapor
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(ihr Diener Malaie halb, halb Mohr),
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Und neben ihr plaudert ein junger Lord
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Von Lachsfang im Stavanger-Fjord,
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Alles albionmäßig abgestempelt,
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Die Beinkleider unten umgekrempelt.

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Es plätschert der Springbrunn, es duften die Blumen,
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Fremd blicken die Bonnen und Kindermuhmen,
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Noch fremder die Ammen; die Badekapelle
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Spielt eben eine Wagnerstelle,
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Lohengrin-Arie, jetzt laut, jetzt leis,
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Die Damen schließen einen Kreis,
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Und in den Kreis, auf den Schlag des Gong,
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Tritt jetzt die Schönheit der Saison.
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Ihr Aug' ist wie getaucht in Glut,
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Rot ist ihr Kleid und rot ihr Hut,
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Ein Hut, wie die Kirchenfürsten ihn tragen,
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Breitkrempig, ein Schleier umgeschlagen,
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Der Schleier
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Rot alles, worauf die Blicke fall'n,
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Eine Römerin (flüstert man) soll es sein,
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Andre sagen: aus Frankfurt am Main.

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Und herwärts wogt es und wieder zurück,
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Auf Wagner folgt ein ungrisch Stück,
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Ein Czardas, und auf dem bewässerten Rasen
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Blitzt es wie von Goldtopasen;
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Überirdisch, ein paradiesisch Revier,
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Und die Frage kommt mir: »Was willst
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Eine Freiin grüßt mich ... doch, wer sie nicht kennte,
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Die Macht der höheren Elemente!

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Nun ist die erste Woche dahin,
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Verändert schon fühl' ich Herz und Sinn,
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Und eh' eine zweite Woche vergangen,
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Ist es nahzu vorbei mit meinem Bangen;
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Mummenschanz alles und Fastnachtsorden,
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Selbst der rote Hut ist mir komisch geworden,
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Ob aus Rom oder Frankfurt – ich seh' in Ruh'
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Jetzt lieber dem Paukenschläger zu,
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Der kränklich und mürrisch und doch begeistert
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Auch Becken noch und Triangel meistert;
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Zu Schemen ist plötzlich alles verschwommen,
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Ich bin wieder zu mir selbst gekommen,
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Und während mir Scheuheit und Demut entschlummern,
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Zähl' ich mich zu den »besseren Nummern«.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Theodor Fontane
(18191898)

* 30.12.1819 in Neuruppin, † 20.09.1898 in Berlin

männlich, geb. Fontane

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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