Das Lied vom armen Kind oder

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Frank Wedekind: Das Lied vom armen Kind oder (1891)

1
Es war einmal ein armes Kind,
2
Das war auf beiden Augen blind,
3
Auf beiden Augen blind;
4
Da kam ein alter Mann daher,
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Der hört auf keinem Ohre mehr,
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Auf keinem Ohre mehr.
7
Sie zogen miteinander dann,
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Das blinde Kind, der taube Mann,
9
Der arme, alte, taube Mann.

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So zogen sie vor eine Tür,
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Da kroch ein lahmes Weib herfür,
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Ein lahmes Weib herfür.
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Bei einem Automobilunglück
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Ließ sie ihr linkes Bein zurück,
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Das ganze Bein zurück.
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Nun zogen weiter alle drei,
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Das Kind, der Mann, das Weib dabei,
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Das arme, lahme Weib dabei.

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Ein Mägdlein zählte vierzig Jahr,
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Derweil sie stets noch Jungfrau war.
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Noch keusche Jungfrau war.
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Um sie dafür zu strafen hart,
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Schuf Gott ihr einen Knebelbart,
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Ihr einen Knebelbart.
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Sie flehte: Laßt mich mit euch gehn,
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Ihr Lieben, laßt mich mit euch gehn,
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So wird noch Heil an mir geschehn!

28
Am Wege lag ein räudiger Hund,
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Der hatte keinen Zahn im Mund,
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Nicht einen Zahn im Mund;
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Fand er mal einen Knochen auch,
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Er bracht ihn nicht in seinen Bauch.
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Ihn nicht in seinen Bauch.
34
Nun trabte hinter den anderen vier,
35
Wiewohl es am Verenden schier,
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Das alte, räudige Hundetier.

37
Ein Dichter lebt' in tiefster Not,
38
Er starb den ewigen Hungertod,
39
Den ewigen Hungertod.
40
Mit Herzblut schrieb er sein Gedicht,
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Man druckt es nicht, man liest es nicht,
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Und niemand kennt es nicht.
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Sein Leib war krank, sein Geist war wund,
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Drum schloß er mit dem räudigen Hund
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Der Freundschaft heiligen Seelenbund.

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Und dann schrieb er zu aller Glück
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Ein wundervolles Theaterstück,
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Ein wundervolles Stück,
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In welchem die Personen sind
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Der taube Mann, das blinde Kind,
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Das arme, blinde Kind,
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Das lahme Weib, die Jungfrau zart
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Mit ihrem langen Knebelbart,
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Die Jungfrau mit dem Knebelbart.

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Und eh die nächste Stund entflohn,
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Konnt jeder seine Rolle schon,
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Die ganze Rolle schon.
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Verständnisvoll führt die Regie
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Das alte, räudige Hundevieh,
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Das räudige Hundevieh.
61
Drauf ward das Schauspiel zensuriert
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Und einstudiert und aufgeführt
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Und ward ganz prachtvoll kritisiert.

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Die Künstler fanden viel Applaus,
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Man spannt dem Hund die Pferde aus
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Und zieht ihn selbst nach Haus.
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Da gab's nun auch Tantiemen viel
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Und hohe Gagen für das Spiel,
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Das ungemein gefiel. –
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Nachdem sie ganz Europa sah,
71
Da reisten sie nach Amerika,
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Nach Nord- und Südamerika.

73
Nun hört zum Schluß noch die Moral:
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Gebrechen sind oft sehr fatal,
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Sind manchmal eine Qual;
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Frau Poesie schafft ohne Graus
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Beneidenswertes Glück daraus,
78
Sie schafft das Glück daraus.
79
Dann schwillt der Mut, dann schwillt der Bauch,
80
Und sei's bei einer Jungfrau auch. –

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Frank Wedekind
(18641918)

* 24.07.1864 in Hannover, † 09.03.1918 in München

männlich, geb. Wedekind

deutscher Schriftsteller und Schauspieler

(Aus: Wikidata.org)

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