Das arme Mädchen

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Frank Wedekind: Das arme Mädchen (1891)

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Böt mir einer, was er wollte,
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Weil ich arm und elend bin,
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Nie, und wenn ich sterben sollte,
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Gäb ich meine Ehre hin!
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Schaudernd eilt das Mädchen weiter,
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Ohne Obdach, ohne Brot,
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Das Entsetzen ihr Begleiter,
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Ihre Zuversicht der Tod.

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Es klappert in den Laternen
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Des Winters eisig Wehn,
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Am Himmel ist von den Sternen
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Kein einziger zu sehn.

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Wie sie nun noch eine Strecke
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Weiter irrt, sieht sie von fern
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An der nächsten Straßenecke
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Einen ernsten, jungen Herrn.
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Ihm zu Füßen auf die Steine
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Bricht sie ohne einen Laut,
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Hält umklammert seine Beine,
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Und der Herr verwundert schaut:

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»wenn dich die Menschen verlassen,
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Komm auf mein Zimmer mit mir;
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Jetzt tobt in allen Gassen
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Nur wilde Begier.«

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Und sie folgte seinen Schritten,
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Hielt sich schüchtern hinter ihm;
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Jener hat es auch gelitten,
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Wurde weiter nicht intim.
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Angelangt auf seinem Zimmer
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Zündet er die Lampe an,
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Bei des Lichtes mildem Schimmer
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Bald sich ein Gespräch entspann:

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»es boten mir wohl viele
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Ein Obdach für die Nacht,
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Doch hatten sie zum Ziele,
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Was mich erschaudern macht.«

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»ferne sei mir das Verlangen«,
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Sprach der ernste, junge Mann,
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»dir zu färben deine Wangen,
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Wenn ich's nicht durch Güte kann.«
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Bat sie, länger nicht zu weinen,
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Holte Wurst und kochte Tee,
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Und am Morgen zog er einen
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Taler aus dem Portemonnaie.

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Sie hat ihn bescheiden genommen
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Und fand, eh der Tag vorbei,
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Als Plätterin Unterkommen
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In einer Wäscherei.

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Aber ach, die Tage gingen
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Und die Nächte freudlos hin,
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Bluteswallungen umfingen
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Ihren frommen Kindersinn.
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Immer mußt sie sein gedenken,
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Der so freundlich zu ihr war,
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Immer mußt den Kopf sie senken
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In der muntern Mädchenschar.

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Und eines Abends um neune
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Hielt sie's nicht aus,
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Lief ganz alleine
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Nach seinem Haus.

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Er war noch nicht heimgekommen,
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Sie verkroch sich unters Bett,
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Bis sie seinen Schritt vernommen,
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Wo sie gern gejubelt hätt.
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Doch sie hielt sich still da unten,
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Bis er sich zu Bett gelegt
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Und den süßen Schlaf gefunden,
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Dann erst hat sie sich geregt.

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Leise wie eine Elfe
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Schlupft sie zu ihm hinein:
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»daß Gott mir helfe –
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Ich bin dein!«

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Doch da hat er sich erhoben,
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Wußte erst nicht, was geschah,
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Hat die Kissen vorgeschoben,
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Als das Kind er nackend sah:
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»nein, jetzt will ich dich nicht haben;
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Wohl dir, daß du mir vertraut!
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Aber spare deine Gaben,
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Denn schon morgen bist du Braut!«

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Er führte binnen acht Tagen
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Sie wirklich zum Altar.
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Es läßt sich gar nicht sagen,
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Wie glücklich sie war.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Frank Wedekind
(18641918)

* 24.07.1864 in Hannover, † 09.03.1918 in München

männlich, geb. Wedekind

deutscher Schriftsteller und Schauspieler

(Aus: Wikidata.org)

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