Die Keuschheit

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Frank Wedekind: Die Keuschheit (1891)

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Schimmernd fülle sich der Teller,
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Schimmernd bis zum Rand hinan;
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Jeder spende seinen Heller
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Gern dem alten Leiermann.
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Manch ein Lied hab' ich gesungen,
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Das euch tief ins Herz gedrungen;
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Doch ein Lied wie dieses hier
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Hörtet ihr noch nicht von mir.

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Eines Abends in der Messe
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Lauscht' er hinter ihrem Pult,
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Mit erzwungner Totenblässe
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Bat er sie um ihre Huld.
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Von Madrid bis Kopenhagen
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Hat er sich herumgeschlagen,
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Tausend Mädchen schon verführt,
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Kujoniert und angeschmiert.

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Und sie bat, daß Gott ihr helfe,
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Doch sein Odem war so warm,
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Und dieselbe Nacht um elfe
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Lag sie schon in seinem Arm.
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Weidlich hat er sie belogen,
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Hat das Hemd ihr ausgezogen;
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Sie ward rot für ihr Geschlecht,
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Doch das war ihm grade recht.

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Als sie nun die Schmach erlitten,
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Ward dem Ungeheuer klar,
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Daß sie engelrein von Sitten
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Und ihm zu gefühlvoll war.
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Freilich konnt es ihn beglücken,
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Eine frische Blume pflücken;
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Für sein weiteres Pläsier
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Fehlte die Verderbnis ihr.

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Und er war wie umgewandelt,
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Als ihr nun die Liebe kam;
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Hat sie so infam behandelt,
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Daß sie schier verging vor Scham;
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Stieß sie aus den warmen Kissen,
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Hat sie nackt hinausgeschmissen,
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Warf ihr ihre Kleider nach,
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Schloß die Tür mit einem Krach.

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Auf dem Vorplatz unter Tränen
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Zog sie sich die Strümpfe an,
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Fluchte ihres Herzens Sehnen
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Und verzieh dem rohen Mann;
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Drauf ging sie in ihre Kammer,
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Dort sank sie aufs Bett vor Jammer.
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Schlug mit beiden Fäusten sich
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Wund und weinte bitterlich.

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Ist's nicht wirklich ein Entsetzen,
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Daß es solche Männer gibt,
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Die sich nicht mal mehr ergötzen,
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Wo ein andrer kindlich liebt.
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Weil sie ihre Liebe suchten
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Bei den H-, den verfluchten,
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Ist der Seele Klang verdumpft,
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Ihr Empfinden abgestumpft.

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In dem nächtlich stillen Garten
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Sitzt die keusche Maid voll Gram,
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Liebelechzend zu erwarten
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Den Geliebten, der nicht kam.
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Ach, sie meint, er
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Doch die Sterne sind verglommen
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Und der sanfte Mond verblich,
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Ohne daß ihr Kummer wich.

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Und nun ward ihr immer schlimmer,
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Immer toller jeden Tag,
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Und sie lief ihm auf das Zimmer,
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Als er noch zu Bette lag;
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Sagt ihm gleich, wozu sie käme,
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Daß er sie zur Dienstmagd nehme.
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Wenn sie seiner Lust zu schlecht,
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Alles, alles sei ihr recht.

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Aber dieser Fürchterliche
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Hatte keinen Trost für sie
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Als verdrehte Bibelsprüche
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Voll gesalzner Ironie;
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Sich an ihrer Scham zu weiden
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Zwang er sie, ihn anzukleiden,
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Macht sie dabei, ohne Not,
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Immer wieder purpurrot.

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Als den Schlips sie ihm gebunden,
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Gab der Mensch ihr einen Tritt
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Und ein Schimpfwort ihrer wunden
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Seele auf den Heimweg mit.
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Doch als sie den Hut genommen,
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Spielt er plötzlich dann den Frommen,
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Sah sie an und sagte: Du,
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Heute abend Rendez-vous!

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Und sie trat am selben Abend
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Wieder in die Wohnung ein,
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Einen Strauß am Busen habend,
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Denn sie wollte lieblich sein.
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Gleich riß er ihn ihr vom Kleide,
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Überreicht' ihn voller Freude
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Einer Dirne, rotgelockt,
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Die geschminkt im Lehnstuhl hockt.

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Drauf tät er sie zärtlich bitten,
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Aufzulösen sich ihr Haar;
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Jene hat's ihr abgeschnitten,
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Daß sie wie ein Knabe war.
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Dann mußt sie das Kleid ablegen,
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Ging einher, zum Herzbewegen:
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Schuhe, Strümpfe, Höschen, Hemd,
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Und der Scheitel links gekämmt.

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Nun erhob sich die geschminkte,
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Dekolletierte Schandperson,
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Schlecht verbergend, daß sie hinkte,
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Denn sie trieb es lange schon:
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Komm, mein Page, und enthülle
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Meiner Reize Zauberfülle
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Diesem schönen jungen Herrn;
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Ach, er hat mich gar zu gern!

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Und sie tat es ohne Zucken,
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Zog ihr selbst die Strümpfe ab,
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Mußte all die Dünste schlucken,
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Die das Scheusal von sich gab.
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Mehrmals, bis das Werk vollendet,
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Hat sie stumm den Kopf gewendet,
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Hustete aus tiefster Brust,
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Wurde beinah unbewußt.

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Alsdann kam an ihn die Reihe,
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Was ihr nicht so gräßlich war;
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Leise wimmernd macht das treue
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Kind ihn aller Kleidung bar;
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Wollt ihm noch die Füße küssen,
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Doch er hat sich losgerissen.
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Und nun gab der edle Wicht
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Ihr in jede Hand ein Licht.

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So mußt sie sich aufrecht stellen,
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Wo der Vorhang offen hing,
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Um das Schauspiel zu erhellen,
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Das vor ihr in Szene ging.
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Durch die Bosheit angefeuert,
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Hat er mehrmals es erneuert,
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Immer tiefern Höllenschmerz
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Bohrend in des Kindes Herz.

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Treulich tät sich ihm vereinen
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Das entmenschte Schauerweib,
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Fand am Jammerblick der Kleinen
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Teuflisch süßen Zeitvertreib,
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Heuchelt, ihr ins Herz zu schneiden,
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Außerordentliche Freuden,
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Fraß mit Schluchzen und Geschrei
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Einen Apfel auch dabei.

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Als die Roheit sondergleichen
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Keinen neuen Reiz mehr bot,
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Ließ man sich die Kleider reichen,
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Stellte sich dabei halb tot.
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Nichts als Püffe, nichts als Tritte
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Spürt das Kind bei jedem Schritte.
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Drauf löscht er die Lichter aus,
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Führt die Schandperson nach Haus.

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Kommt zurück nach langer Pause,
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Und das Mädchen ist noch da,
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Denn sie wagt sich nicht nach Hause,
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Weil sie so verändert sah;
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Bat ihn, daß sie bleiben könnte,
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Was er ihr denn auch vergönnte;
159
Ach, sie dachte nicht daran,
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Was der Schreckensmensch ersann.

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Nachdem er zu Bett gegangen,
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Winkt er sie vom Diwan her,
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Überreicht ihr einen langen
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Scharfgeladenen Revolver.
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Bittet kühl um den Gefallen,
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Ihn sich vor den Kopf zu knallen,
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Denn die Wirkung sei famos,
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Und er sei sie endlich los.

169
Ohne etwas zu entgegnen,
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Hob sie sich ihn an die Stirn,
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Tät noch ihren Mörder segnen
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Und durchschoß sich das Gehirn.
173
Lächelnd schmaucht er die Zigarre
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Zum Entstehn der Totenstarre,
175
Geht dann, seiner Schandtat froh,
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Nach dem Polizeibüro!

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Und nun hat sie ausgelitten,
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Diese Maid, die treu geliebt,
179
Dabei engelrein von Sitten,
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Wie es keine zweite gibt.
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Alle möge Gott verfluchen,
182
Wenn sie seine Gnade suchen,
183
Denn sie liebten nur das Fleisch;
184
Diese starb im Herzen keusch.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Frank Wedekind
(18641918)

* 24.07.1864 in Hannover, † 09.03.1918 in München

männlich, geb. Wedekind

deutscher Schriftsteller und Schauspieler

(Aus: Wikidata.org)

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