Festgruß der sechzehnten Versammlung deutscher Architekten und Ingenieure dargebracht von der Stadt Karlsruhe

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Joseph Viktor von Scheffel: Festgruß der sechzehnten Versammlung deutscher Architekten und Ingenieure dargebracht von der Stadt Karlsruhe (1856)

1
Willkommen hier, baukundige Wandergäste,
2
Septembersonne lacht auf euren Pfad
3
Und Land wie Leute grüßen auf das beste
4
Der Deutschen Technik Hort und Ehrenrat.
5
Nicht Hamburgs Alster zwar, noch Wiens Paläste,
6
Bescheiden ist, was man zu zeigen hat,
7
Doch sonder Bangnis rüstet sich zum Feste

8
Sie wuchs als Kind im Hardtwald, knapp gehalten,
9
Weinbrenner wies ihr, wie man »klassisch« baut,
10
»gefrorene Musik« hieß er sein Walten,
11
Drum ist sie auch so lang' nicht aufgetaut.
12
Spät erst durch Hübsch erlöst vom Bann des Alten,
13
Ward sie des Werts der Schönheit sich bewußt,
14
Nun darf ihr Fächer sich modern entfalten,
15
Vertraun auf gute Zukunft schwellt die Brust.

16
In Heidelberg umschwebt euch ander Wesen
17
Wie Geisterhauch. Beredt, ehrwürdig, groß
18
Weiß ein Kollegium Renaissance zu lesen,
19
Das alte Schloß in seiner Trümmer Moos;
20
Doch, eh' man noch am Neckar froh gewesen,
21
Führt euch der Festzug zu des Schwarzwalds Schoß,
22
Zum Quellendampf, drin Gichtische genesen,
23
Zur Bäderstadt im milden Tal der Oos.

24
Wenn dort vor Badens Burg nach Festessitte
25
Ihr tafelt unter grünem Wipfeldach,
26
So kommt
27
Den Berg empor. Das Richtscheit zeigt sein Fach,
28
Barett und Mantel sind stilvoll im Schnitte,
29
Verwittert und steinrötlich sein Gesicht;
30
Er nimmt vertrauend Platz in eurer Mitte,
31
Hebt den Pokal, ergreift das Wort und spricht:

32
»als ältster Baurat dieses Badischen Landes
33
Und Torwardein des Polytechnikums,
34
Doch längst bei Steinbach froh des Ruhestandes,
35
Begrüß' ich euch, Genossen deutschen Ruhms;
36
Daß dies Jahrhundert ein der Kunst verwandtes
37
Ist Saat und Frucht des Bauingeniums;
38
Ihr legt die Schienen engen Volksverbandes
39
Und schafft das Wohnhaus freien Bürgertums.

40
Ich hab' mein Werk spitzbogig einst gewoben
41
Und viel mit Maß- und Stabwerk mich gepeint;
42
Harmonisch hat mein Langhaus sich erhoben
43
Und ›gut in Wirkung‹, wie Freund Lübke meint.
44
Auch darf man der Fassade Reichtum loben,
45
Mein Rosenfenster ist nicht schlecht erdacht,
46
Und der durchbrochne Turmhelm strebt nach oben
47
Wie ein Gedankenflug in kühner Pracht.

48
Seht dort des Rheines Streif, den silberweißen,
49
Dort ragt, was ich ersann, verklärt und fern
50
Im Purpurduft des Abends, und mit leisen
51
Glutstrahlen küßt die Sonne seinen Kern.
52
Das war ein Mauern, Meißeln, Grundrißreißen,
53
Da Bischof Konrad mich als Hüttenherrn
54
Zu jenem Bau berief, da galt's, sich fleißen;
55
Doch Frau und Sohn und Tochter folgten gern.

56
Gott und dem Reich in freiem Steinmetzorden
57
Zu dienen, schien uns frommer Zunftberuf,
58
›aus rauhem Stein sind zarte Heil'ge worden‹,
59
Schrieb man zum Bildwerk, das Sabina schuf.
60
Doch wie wir
61
So freut uns, was bewußt die
62
Nicht schickt sich eines stets und allerorten,
63
In neuer Form bewährt sich neue Kraft.

64
Drum soll ein Trinkspruch kräftig hier erschallen
65
Zu meiner Heimat goldnem
66
67
Leg' Süd wie Nord vorplanend Ehre ein:
68
Zwei Preisaufgaben stell' ich heut euch allen
69
Und wer sie löst, mag Baudirektor sein:
70
Architektur: des deutschen Reichstags Hallen,
71
Ingenieurs die Brücken übern Main!«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Dieser Text könnte aus folgender Literaturepoche stammen:

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Joseph Victor von Scheffel
(18261886)

* 16.02.1826 in Karlsruhe, † 09.04.1886 in Karlsruhe

männlich, geb. Scheffel

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.