Der Vogel Wandelbar

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Richard Fedor Leopold Dehmel: Der Vogel Wandelbar (1891)

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War einst ein Vöglein Wandelbar,
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an dem fast Alles seltsam war.
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Ein rechter Wildfang wollt es sein
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und hatte doch ein Humpelbein
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und viel zu krumme Flügel.

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Allein die Flügel sah man kaum,
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so schön war sein Gefieder;
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das schimmerte wie Purpurschaum,
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und auf der Brust der weiche Flaum
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wie ein Perlmuttermieder.

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Vom vielen Zwitschern eigner Art
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bekam's ein Schnäblein silberzart;
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und Augen trug's im Köpfchen,
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so lieblich-launisch-glitzerblau
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wie Morgens die Tautröpfchen.

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Das gab dem Vöglein Wandelbar
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ein Aussehn, sonderlich fürwahr.
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Doch was das Sonderlichste war:
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tief innen trug's
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ein Herz von lautrem Golde.

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Und Alles war dem Vöglein gut,
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wie's humpelte und glänzte;
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und Jeder nahm's in seine Hut,
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solang es brav im Hofe saß,
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der hoch sein Nest umgrenzte.

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Bis unser Vöglein endlich
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ein Vogel wurde; ei der Daus,
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da lief es aus dem sichern Haus
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allein ins weite Land hinaus,
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und da erging's ihm schändlich.

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Die Andern liefen gar so schnell,
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das Ihre zu erjagen;
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da kommt mit seinem Wackelschritt
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solch armes Entlein nicht gut mit,
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und muß den Spott noch tragen.

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Sie stießen es und traten es
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und rupften es gescheit;
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und in dem wilden Drängen
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blieb bald sein schönes Schimmerkleid
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an Busch und Dornen hängen.

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Zwar mancher blieb auch stehen;
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vermahnten dann und schalten
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den ungeschickten Wandelbar,
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und wußten doch, wie lahm er war,
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und – blieben selbst die alten.

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Doch schließlich war es ihm geglückt,
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mit letzten Kräften, arg zerpflückt,
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ein Bäumlein zu erschwingen;
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da dacht er heimlich auszuruhn
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und sich in Schutz zu bringen.

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Verwandelt war nun ganz und gar
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der arme Vogel Wandelbar;
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nur hier und da noch glänzte ein
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zerschlissnes Purpurfederlein
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in seinem grauen Kittel.

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Und auch der Augen helles Licht
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war blaß, wie welk Vergißmeinnicht;
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nur noch das Silberschnäbelein
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war ihm geblieben, blank und rein,
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wenn's auch recht kläglich zirpte.

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So saß er weitab vom Gewühl
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und fragte sich voll Wehgefühl,
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warum er so verlassen;
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und wußte doch, daß Lahme nicht
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zu so viel Schnellen passen.

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Ein Rabe aber kam vorbei;
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den ärgerte die Melodei
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und auch das Silberschnäbelein.
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Er schrie: "Ich mag nicht solch Geschrei!
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marsch, lamentier wo anders!

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Ich will mir hier mein Nest her baun,
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und für uns Beide ist kein Raum!"
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und stieß das Vögelchen vom Baum
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und riß ihm aus dem Kleide
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auch noch sein letzt Geschmeide.

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Da war ihm aller Mut dahin,
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der Mut sogar zum Klagen.
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Mit seinem müden Humpelbein
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lief's weinend in die Nacht hinein
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und dachte voll Verzagen:

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Jetzt ist rein garnichts mehr an mir,
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jetzt kann ich nur gleich sterben;
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jetzt will ich in die Wüstenei,
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wo Keinen ärgert mein Geschrei,
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und still für mich verderben.

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Ja, garnichts, garnichts mehr war sein
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von all dem schönen bunten Schein;
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sogar das Schnäblein hatte ganz
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verloren seinen Silberglanz
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von all den vielen Tränchen.

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Und als das Vöglein Das gesehn,
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ist fast sein Herz gebrochen.
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Zum Sterben hat sich's hingesetzt.
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Da kam der goldne Mond zuletzt
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und hat zu ihm gesprochen:

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"du armes Vöglein Wandelbar,
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was grämst du dich denn immerdar
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um deine paar Juwelen?
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Du dummes Vöglein Wandelbar,
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vergaßest du denn ganz und gar,
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was Keiner dir kann stehlen!

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Hast du denn nicht viel mehr in dir
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als diese ganze Lust und Zier,
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worauf die Andern sinnen?
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Was weinst du denn und machst dir Schmerz?
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denkst du denn garnicht an dein Herz
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von lautrem Gold tief innen!"

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Da ward dem Vogel Wandelbar
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auf einmal Alles licht und klar,
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und lebte gerne weiter;
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da pfiff er bis an seinen Tod
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auf allen Spott, auf alle Not,
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unwandelbarlich heiter.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Richard Dehmel
(18631920)

* 18.11.1863 in Münchehofe, † 08.02.1920 in Blankenese

männlich, geb. Dehmel

Nationalökonom, deutscher Dichter und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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