Venus Sapiens

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Richard Fedor Leopold Dehmel: Venus Sapiens (1891)

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Nun, du Eine, tritt heran,
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höre meine wahrsten Laute;
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höre zu wie Jonathan,
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als sich David ihm vertraute.
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Schwer vom Hohn und Übermute
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Goliaths herabgemächtigt,
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hat bis heut in meinem Blute
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noch der greise Saul genächtigt.

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Zwielicht. Sterbend hängt die scharfe
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Zunge aus dem Lästermaul.
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Sieh, nun weint dein König Saul,
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denn dein David singt zur Harfe.
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Alle Kleider sind zerrissen,
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die den alten König schmückten;
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brütend hört er den Entzückten
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nahen aus den Finsternissen.

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Goliath tot! den König schauert;
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seine Schwermut ahnt das Ende.
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Und dein Sänger steht und trauert:
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blutbefleckt sind seine Hände.
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Aber weiter muß er schreiten,
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seine Töne sind ein Bann,
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selig greift er in die Saiten:
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Komm, o komm, mein Jonathan!

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Traure nicht um den gebeugten
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Vater, dem vor morgen graut;
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denn die Trübsal ist die Braut
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aller nicht vom Geist Gezeugten.
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Jonathan, du sahst ihn sitzen,
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den Berater deiner Reife,
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nackt und schamlos, und das steife
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Haupt umstarrt von Lanzenspitzen.

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Und du sahst vor seinem Zelt
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sterben den Philisterfürsten;
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aber Leben braucht die Welt,
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laß uns nach dem Geiste dürsten!
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Denn es weht von allen Hügeln
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immer neu sein ewiger Segen;
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lerne nur dein Herz beflügeln,
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und er wird auch Dich bewegen!

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Jonathan, zu jeder Frist
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sei nun meiner Liebe sicher;
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und sie ist viel sonderlicher,
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als mir Frauenliebe ist.
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Glutwind droht den jungen Saaten;
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nimm den Bogen in die Hände,
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daß dein Pfeil mir Warnung sende,
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sinnt der Vater Wahnsinnstaten.

49
Jonathan, hier steh ich nackt;
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du mein Bruder, Freund, Berater,
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hilf mir, wenn die Glut mich packt!
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Jona! Weib! noch giert der Vater!
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Jona, Schwester! unsre Kinder –
54
Gattin! weinen meine Saiten – –
55
»david, komm! du Überwinder
56
unsrer Unwillkürlichkeiten« ...

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. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Wird sie so mir Antwort blicken? –
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Ja! kein Argwohn soll mir mehr
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meine Glaubenslust ersticken –

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Und in alle meine Finsternisse
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dringt auf einmal lichter Sinn:
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schimmernd wie durch Wolkenrisse
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schwebt ein Wesen ob mir hin:

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das beginnt mich anzulachen,
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jungvertraulich, altvertraut –
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O, komm her aus deinem Himmelsnachen,
68
ja, seit ewig warst du meine Braut,

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Richard Dehmel
(18631920)

* 18.11.1863 in Münchehofe, † 08.02.1920 in Blankenese

männlich, geb. Dehmel

Nationalökonom, deutscher Dichter und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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