Venus Vita

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Richard Fedor Leopold Dehmel: Venus Vita (1891)

1
Und nun ein Feldweg, und um Morgengrauen;
2
die kahlen Bäume stehen da wie tot,
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ich aber wandre, ohne aufzuschauen.

4
Ich fühle eine Furcht; und Regen droht.
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Ich höre den gedüngten Acker schweigen;
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und heute wird kein Morgenrot.

7
Die Straße teilt sich. In den schwarzen Zweigen
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sagt keine Tafel mir die rechte Spur:
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soll ich hinunter, soll ich steigen?

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Da deucht mir, in der tiefen Flur
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rief mich mein Name, aus ersticktem Munde.
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Ich horche; Nichts. Im Osten nur

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enttaucht ein Licht dem fernen blassen Grunde.
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Es ist kein Stern, es schimmert warm und traut,
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mir dämmert eine längst vergangne Stunde,

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und wieder hör ich fern und laut
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die bange Stimme meinen Namen rufen;
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und mir graut.

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Mir scheinen plötzlich diese Ackerhufen
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bekannt; ich bin so wandermatt.
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Und dieser Pfad, und diese Wurzelstufen?

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Hinab! – Schon wird der Abhang glatt;
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auf einmal, wie von einem Kinderwagen,
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springt mir ein Rad

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unter den Füßen auf. Ich seh es jagen,
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es springt und rollt den Kiesweg vor mir her,
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seh's Funken schlagen;

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mein Schreck, mein Zittern wird Begehr,
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ich muß ihm nach, es haben! Bis zur Kehle
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hämmert mein Herz, das Rad rennt immer mehr,

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und immer ruft mich klagend jene Seele
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und winkt das Licht,
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das Rad – halt! – Jetzt –: ich greife – fehle –:

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es ist ein Lichtrad! halt! nach, eh's zerbricht!
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Ich fass'es, stürze – wach'ich? – meine matten
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Finger umklammern es – – Nein – nicht:

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in meiner Hand zerrann es wie ein Schatten.

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. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Werd'ich also stets ins Leere fassen?
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lebt nichts ewig vor mir her?
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Nein! ich will mir nicht vom Leben mehr
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meinen Blick verblenden lassen.

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Ihr selbst, ihr verführerischen Sterne,
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wozu schürt ihr meine Seelennot?
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Eisig haucht die gleißnerische Ferne:
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ewig lebt allein der Tod.

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Sei's denn! Umso unfaßbarer, freier,
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umso weiter, unbegrenzter
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strahlt des Daseins Auferstehungsfeier –
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niemals sah ich die Nacht beglänzter!

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Stirb, du Sehnsucht meiner Jünglingsnächte:
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eine reifere Inbrunst lebt mir nun:
53
Einst wird all dies tiefe Trachten ruhn,
54
aber ihm entsteigt in höhere Prächte

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Richard Dehmel
(18631920)

* 18.11.1863 in Münchehofe, † 08.02.1920 in Blankenese

männlich, geb. Dehmel

Nationalökonom, deutscher Dichter und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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