Venus Occulta

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Richard Fedor Leopold Dehmel: Venus Occulta (1891)

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Ist das noch die große Stadt,
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dies Geraune rings im Grauen?
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diese Männer, diese Frauen,
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kaum erschienen, schon verschwunden;
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und die Sonne steht so matt
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wie ein kleiner, rotgewordner Mond da.

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Drück dich dichter an mich an,
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wie der Nebel an die Mauern!
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Keiner stört den stillen Bann,
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wenn wir Blick in Blick erschauern.
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Sieh, wir schreiten wie vermummt in Weihrauch;
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jeder wilde Laut wird stumm.

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Hebe deinen dunkeln Schleier,
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daß dein Atem mich erquickt!
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Keiner stört die stille Feier,
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wenn sich uns in diesem Dunste
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fester Hand in Hand verstrickt.
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Diese Straße mündet in den Himmel.

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Oder weißt du, wo wir sind?
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Küsse mir die Augenbrauen,
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küsse mir die Seele blind!
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Diese tote Stadt ist Babel,
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und ihr blasser Dampf umspinnt
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eine tausendjährig trübe Fabel.

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Alle Farben sind ertrunken.
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Nur auf deinem schwarzen Haare
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flimmern noch die Purpurfunken
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deines Hutes aus Paris,
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rot wie unsre Lippenpaare;
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und mein blauer Wettermantel raschelt.

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Du, was träumst du? Deine Augen
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waren eben wie zwei Kohlen,
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die sich von der Glut erholen;
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ja, du bist Semiramis!
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Und in seinem dunkelblauen Mantel
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führt dein Odhin dich ins Paradies.

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Zwar, wir mußten durch viel dumpfe Gassen,
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bis der Gott zu seiner Göttin kam,
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und du hast manch braven Mann,
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ich manch gutes Weib verlassen;
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aber dies ist unsre letzte Irrfahrt,
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drück dich dichter an mich an!

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Sag mir – Nein: horch! was für Töne?
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warum stehn wir so erschrocken?
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Dies verhaltene Gestöhne
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aus den Wolken, dies Gedröhne,
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kannst du diesen Lärm begreifen? –
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Komm nach Hause, Fürstin! das sind Glocken.

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Vor verschiednen hundert Jahren
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herrschte hier ein Gott der Leiden
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über traurige Barbaren.
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Komm, wir wolln die Götter trösten,
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daß sie sich in Dunst auflösten,
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wir zwei seligen, verirrten Heiden.

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. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Aber
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Hat nicht Er so Mann wie Weib erneut,
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der die Kindlein zu sich kommen ließ? –

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Helft mir, Sterne! Hoch ob meiner Pein,
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hoch ob jener Häuser finsterm Graus,
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wie auf Bethlehem so mild und rein
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strahlt ihr fernhin auf mein Vaterhaus.

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Sprach er wahr, der klagende Lebenstraum,
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den mein Wille gestern Nacht durchschritt? –
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Lautlos starrt der dunkle Weltenraum;
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und im stillen wanderst du wohl mit,

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Richard Dehmel
(18631920)

* 18.11.1863 in Münchehofe, † 08.02.1920 in Blankenese

männlich, geb. Dehmel

Nationalökonom, deutscher Dichter und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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