Venus Metaphysica

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Richard Fedor Leopold Dehmel: Venus Metaphysica (1891)

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Plötzlich sah ich draußen das Feld
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ganz von magischem Licht erhellt.
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Durch die äußersten Straßen von Berlin
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schien dies Licht mich ins Freie zu ziehn,
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ich mußte nur immer gehn und gehn,
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schließlich blieb ich im Sande stehn;
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halbhoch in der Unendlichkeit
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stand der Vollmond, meilenweit.
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Ich wischte mir den Schweiß von der Stirne,
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mir war so anders im Gehirne;
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ich fühlte, mir wollte was passieren,
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mir war so weltweit. Die Gaslaternen
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schienen sich förmlich zu entfernen.
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Hinter den schwarzen Vorstadtquartieren
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drüben am dunkleren Himmelsrand
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wurde ein Feuerwerk abgebrannt;
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der letzte Böller war kaum verkracht,
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da schlug's vom Rathaus Mitternacht.

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Mir lief schon wieder der Schweiß vom Hute,
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der Juli lag mir wohl im Blute;
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ich sah mich um. Kein Laut von Leben;
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bis hoch ins höchste Äthermeer
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kein Bein! Die Landschaft dito leer,
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ganz leer – Berliner Landschaft eben,
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wo nur symbolisch hin und wieder
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ein borstiger Büschel Gras aufsprießt,
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als hätte der Sand ihn ausgeniest.

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Seltsam: was hat der Mensch für Glieder!
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Mich zwang ein geisterhaftes Regen,
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in diesen Sand mich hinzulegen,
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platt auf den Rücken. Der Mond stand grade
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senkrecht über dem Schornsteinschlund
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einer düstergrauen Fabrikfassade;
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da stand er blank und kugelrund
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wie aus der Kanone hochgeschossen.
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Ich wünschte, er möchte runterfallen
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und diesen unheimlichen Schornstein zerknallen,
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und machte noch sonstige mystische Glossen,
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zum Beispiel über die Jakobsleiter,
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mir wurde immer weltenweiter.

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Auf einmal – ich rieb mir die Augenlider,
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aber wahrhaftig: jetzt schon wieder:
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der Mond, kein Zweifel, er rührte sich.
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Die Kugel verschob ihre Flecken und Falten,
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sie schien mir beinah zwiegespalten;
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und was ich bisher für den Mond gehalten,
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die Geister überführten mich,
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das war ein bloßer Gewohnheitsgedanke.
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Denn frei der blöden Sinnenschranke
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erkannt'ich: es war die hintre blanke
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Lendenpartie und noch was Schlimmers
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eines überirdischen Frauenzimmers.
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Ihr Kopf war völlig unsichtbar,
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auch Arme und Beine und Zehenspitzen;
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sie mußte stark in Kniebeuge sitzen.
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Doch aus allem Übrigen sah ich klar:
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so'was, das gibt's blos in höheren Zonen,
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sie hat, weiß Gott, vier Dimensionen.

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So lag ich und entzückte mich
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an ihrer wunderbar schwierigen Stellung,
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mein Herz kam immer mehr in Schwellung,
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und nur das Eine bedrückte mich:
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ob die Geister wohl Unheil sinnten
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mit dieser Offenbarung von Hinten.
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Und kaum geahnt, da seh ich schon,
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daß diese maßlose Weibsperson
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nicht still sitzt. Himmel! sie kommt, mir graust,
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unaufhaltsam auf mich losgesaust,
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kommt immer näher, wird immer blanker,
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hinten ihr Bannkreis wird immer schwanker,
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mir schwindelt, mir vergeht das Licht,
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mir will das Herz durch Haut und Hemd,
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zitternd erwart ich das Donnergewicht,
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und die Hände unter den Kopf geklemmt
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– jetzt: ich oder sie: jetzt kommt der Stoß,
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bumms! Schon will ich mich tot erklären,
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aber da sitzt sie mir, wupp, im Schooß,
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wupp: wie etwa die Hemisphären
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eines Tragischen Heroinen-Popos.

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Also Mut! und als Kenner der weiblichen Form
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seh ich ihn mir nun näher an:
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hm, ganz entwickelt, doch nicht abnorm –
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wie einen das Jenseits doch täuschen kann!
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Sonst sah ich nichts als um den Kopf
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einen dicken, grauen, gepuderten Zopf,
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und da sie keine Anstalt machte
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sich umzudrehn, so schwieg ich und dachte:
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sie wird als Dame wohl Gründe haben,
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dich nicht mit ihrem Anblick zu laben.
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Die Beine hielt sie steif in der Mitte
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zwischen den meinen in den Sand;
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sie war wohl von dem luftigen Ritte
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noch echauffiert. So lag ich galant
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stille und fühlte durch die Hosen
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ihre unsterblichen Pulse tosen.

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Wupp! machte sie plötzlich wieder – und
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ich muß gestehn, mir tat das wohl,
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ich schloß die Augen – und wuppwup, hohl
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erscholl jetzt durch die Nacht ihr Mund:
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»mein Name ist Meta«, wupp – »genauer
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Frau
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Astralweib« wupp – »und von ewiger Dauer.«
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Mir wurde immer wohler zu Sinn,
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wie sie so jedes Komma und Zeichen
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nachdrücklich angab in meinen Weichen.
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Wupp: »Wem nämlich die krause Welt
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nicht mehr genug von Vorne gefällt,
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dem enthüll ich sie, wupp, von Hinten,
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in den unaussprechlichsten Tönen und Tinten.
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Und so hab ich mich, wupp, in Gnaden
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auch bei Dir zu Gaste geladen,
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wupp!« Das war mir nun sehr erbaulich,
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aber sie wuppte mir fast zu gut;
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mir wurde immer dunkler zu Mut,
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immer beklommner, mir wurde graulig.
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Ich wollte die Augen öffnen – vergebens:
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ich lag im Starrkrampf rein geistigen Lebens.

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Wupp, ging's unten in meinem Schooß
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mit Himmelskräften von frischem los,
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während sie oben grollte: »Du kleines
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Menschlein willst dich gegen mich steifen?
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Was, ich bin dir zu dunkel gewesen?
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Ich? Na warte du: wupp! Ich, eines
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der allgemeinsten weiblichen Wesen,
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wupp, die nächtlich im Freien schweifen:
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warte, du sollst es schon begreifen,
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wupp, mein Ding-an-sich! wupp! zwar
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es ist haarsträubend, aber wahr!«
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Und wupp – ich hörte noch was wie »schleifen«,
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mir rauchte der Kopf, mir schwand der Wille,
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alle Gefühle standen mir stille;
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denn immer eifriger wurde, oh,
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dieser fürchterliche Astralpopo.

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Endlich konnt ich mich wieder ermannen
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und wage zu blinzeln: herrgott, da schwellen
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ihre unbewußten Körperstellen
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mir entgegen wie zwei Riesenpfannen.
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Der Rücken ist – in beiden Axen –
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um mindestens drei Systeme gewachsen,
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ich kann ihn garnicht zu Ende sehn;
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von Kopf nicht mehr die geringste Spur,
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ein dürftiger Zipfel vom Zopfe nur,
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und nicht ein Wort mehr zu verstehn.
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Doch, gottseidank, pausierte sie leise
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mit ihrer sitzenden Arbeitsweise.

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Ich überlege schon, ob ich sie bitte
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sich zu entfernen; da – wupp, wup wupp –
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stampft's wieder los in meiner Mitte,
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jetzt fast schon wie'ne Kanone von Krupp.
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Von oben hör ich wie Unkenstimmen
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dunkle Offenbarungen stöhnen,
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die immer übersinnlicher tönen
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und schon ins Transzendentale verschwimmen.
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Ich stöhne selber: wie komm ich los!
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Denn wupp, entsetzlich: mit jedem Stoß
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wächst ihre physische Proportion
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zurück in die vierte Dimension,
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und immer fetter schwoll und fetter
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ihr unermüdlicher Katterletter.

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Zwar ihr Vergnügen, das gönnt'ich ihr herzlich;
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aber mir wurde die Sitzung schmerzlich.
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Mein spiritistisches Fluidum
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spritzte schon literweise herum;
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ich hörte kaum noch ihr Gebrummsel,
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ich armes menschliches Medibumsel.
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Sie wuppte, wupp, immer wuppiger,
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mir wurde immer matter und matter,
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sozusagen immer schaluppiger.
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Ich merkte mit Schrecken, daß ich platter
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und platter wurde, und mit den letzten
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Kräften schrie ich ins Äthermeer:
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»madam! Sie werden mir zu schwer!«

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Aber ihre Bewegungen setzten
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sich mit unveränderter Miene
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nur noch kategorischer fort.
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Sie trieb mir's gradezu wie zum Tort,
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diese grenzenlose Buttermaschine;
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sie wollte mich vollends, schien's, vergeistigen.
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Jetzt wurde ich wild. Ich schrie: »Madam!
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Heda! Wie können Sie sich erdreistigen,
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mich so zu quetschen! ich bin kein Schwamm!
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So hören Sie doch! Sie altes Kalb,
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Sie Mondkalb Sie!« Da: hui, ein Kneifen,
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ich höre die Engel im Himmel pfeifen –

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»herr, mit Verlaub, ich bin ein
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brüllt sie, daß mir der Schädel gellt,
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»und bleibe auf eurer unglaublichen Welt
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gefälligst so lange, wie
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verstanden?!« Und
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Erbarmen, Rettung – ihren Zopf
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sich blähen und auf mich niedersausen:
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der ganze Himmel erscheint Ein Schopf,
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eine Wolke von dunstig wirbelnden Haaren,
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die immer spiraliger niederfahren:
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sie wickeln sich mir um alle Gelenke,
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um Hals und Arme und Brust und Weichen –
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Gnade! ich kann kein Glied mehr rühren,
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vor meinen Augen tanzen verrenke
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riesige Paragraphenzeichen,
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die mir alle Sinne zuschnüren –
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Gnade, ich sticke! Luft! Vergebens:
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sie umwickelt mich immer wilder,
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vor meinem Geiste erscheinen die Bilder
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meines aprioristischen Lebens,
205
während sie meinen sterblichen Rest
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immer platter a posteriori preßt –
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und wupp, ein Wühlen, und hui, ein Stieben:
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ich fühle, wie sich die Seelenspitzen
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ihrer Behaarung in alle Ritzen
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und Poren meines Leibes schieben –
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ich möchte ächzen, ich kann nicht: ach,
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es kriecht mir kribbelnd in Ohren und Mund,
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in Gaumen, Kehle, Nase, und

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hapschih, pschih! nies'ich – und bin wach.
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Und liege im Sande mit der Nase,
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dicht bei einem borstigen Büschel Grase.
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Halbhoch in der Unendlichkeit
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stand der Vollmond, meilenweit.

219
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

220
Und so hab ich mit Gelächter
221
manchen Geisterrausch bestanden,
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trank als Raum- und Zeit-Verächter
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meinen Gottgeist fast zuschanden,

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trank mich frei von Menschheit, Welt und Weib,
225
aber
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Mitten in den knechtischen Zeitvertreib
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herzerkältender Spöttereien

228
tratest Du, Du, die gleich mir gelitten
229
unter Irrtum, Schuld und Sehnsuchtsleid
230
und sich dennoch Lebenslust erstritten,

231
Und ich sah die Wärme deiner Wangen,
232
deiner Augen strahlende Hoffnungsmacht:
233
eines Sommerglückes Prangen
234
mitten in der Winternacht!

235
Und ich zeigte dir mein scheues Wehe;
236
und du nahmst es schmeichelnd in den Schooß.
237
Aber wild erschrak's vor neuer Ehe.
238
Und ich rang mit dir – und rang mich los –

239
los – und ließ mich vollends von der Schwere
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meiner Einsamkeit, ich Narr, bezwingen;
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über Länder, über Meere
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trug ich ihre Last mit lahmen Schwingen.

243
Auf den blumigsten Inseln Griechenlands,
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an Italiens blauesten Uferborden
245
saß ich echter deutscher Duselhans
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voller Heimweh nach dem Norden.

247
Und jetzt lieg ich hier auf meinem harten
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Pfühl in dieser fremden kalten Kammer
249
und verwühl mich mit erstarrten
250
Gliedern wieder in den alten Jammer.

251
Wie auch Du wohl. Und ich seh und höre
252
mich als Geist in brütenden Nebeln schwimmen
253
und dein ruhlos Herz beschwören,
254
prüfend, mit gedämpfter Stimme,

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Richard Dehmel
(18631920)

* 18.11.1863 in Münchehofe, † 08.02.1920 in Blankenese

männlich, geb. Dehmel

Nationalökonom, deutscher Dichter und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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