Venus Idealis

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Richard Fedor Leopold Dehmel: Venus Idealis (1891)

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Ich lag in Zweifeln schon die halbe Nacht:
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Mich treibt ein Geist, und folgen muß ich ihm,
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doch
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ist's Eitelkeit? so rang ich mit der Nacht.
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Und furchtsam dacht ich an das unverstandne
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Gebet der Kindheit: nicht wie Ich will, Vater,
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in Deine Hand befehl ich meinen Geist!
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Und heftiger rang ich, wie einst Jesus rang.

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Da bannte mich der Geist in Traum. Ich stand
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an eines Weltmeers aufgewühlter Fläche.
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Sehr finster war's. Doch finstrer ragte noch,
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zackig ins Himmelsdunkel hochgetürmt,
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ein starr Gebilde wie ein Felseneiland.
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Dumpf um es schnob und brodelte die Flut,
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und ich erkannte, eine Sintflut war's,
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die ein verwittertes Stück Welt zerfraß.

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Auf einmal wurde Licht; grell quoll der Mond
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durchs wechselnde Gewölk, die Brandung glänzte,
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und hoch im Gischt in grauenhafter Ohnmacht
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rangen zwei letzte Menschen, Mann und Weib.
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Ich sah sie sinken. Doch noch Einmal tauchte
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das Weib krampfhaft aus Sturz und Strudel auf:
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der nackte Körper bäumte sich im Schaum,
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und schimmernd, während ihn der Schwall verschlang,
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entwand sich ihrem zuckenden Schooß ein Kind.

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Da war's, als käm ein Staunen in den Aufruhr;
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der Mond besänftigte die wüste Flut,
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die Wellen hüpften um das kleine Leben
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und wuschen es und wiegten es und trugen
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es langsam durch die Klippen an das Eiland.
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Und nun gewahrt'ich auf dem schroffen Gipfel
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ein andres Weib. Schwarz, ganz und gar verhüllt,
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in riesenhafter Starrheit saß sie da;
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es war, als ob ihr Haupt die Wolken streifte,
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einäugig starrte sie aufs Meer hinab,
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und bis ins Mark verwirrte mich der Blick.
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Doch furchtlos langte nach ihr auf das Kind.

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Und nieder zu ihm neigte sich die Hohe,
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und nahm es mit gelassner Hand ans Herz,
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und öffnete die Tücher ihrer Brust,
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und tränkte es, und küßte es, und schaute
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ihm traumhaft in die Augen; liebreich glomm
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ihr Blick hinüber in des Kindes Blick,
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als zündete sie drin das Seelchen an.

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Und in dem Arm der Riesin wuchs das Kind,
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und wuchs, und sprach das erste Wort, und wuchs.
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Da nahm es von der Brust die Rätselhafte
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und setzte mit gelassner Hand es wieder
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hinab ans Ufer, wo ein neues Land
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sich aus den Fluten hob, und hieß es gehen;
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ihr stummer Blick wies in die blasse Ferne,
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dann saß sie starr und dunkel wieder da.
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Auf stand der Knabe, Furcht befiel auch ihn,
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der erste Schmerz verstörte seine Stirne;
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und scheu gehorchte er, und ging, und wuchs,
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und immer wachsend ging er immer weiter,
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bis ich im Morgendunst des Horizonts
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ihn einem Schatten gleich verschwinden sah.

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Nicht achtete das Weib des Wandrers mehr;
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weitäugig starrte sie hinaus aufs Wasser,
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als müßten immer neue Menschlein kommen,
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sich Leben holen hoch an ihrer Brust.
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Da konnt ich ihren Blick nicht länger dulden:
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nur Einmal wollt ich in dies Auge sehn,
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dies Geisterauge, das dort oben über
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der grauen Flut aus seiner schroffen Höhe
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so groß und bleich im Mondlicht flimmerte.
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Und bittend, bettelnd hob ich meine Hände:
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O komm! komm her zu mir und sieh mich an,
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wie du den Säugling ansahst! Einmal nur
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tu mir das Wunder deines Wesens auf!
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Gib mir Erkenntnis! gib mir Ruhe, Ruhe –

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Da stieg sie dröhnend von dem Felsgrat nieder.
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Vor ihren Schritten teilte sich die See.
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Und näher, immer näher kam sie dröhnend.
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Vor Schreck und Jubel sank ich in die Kniee.
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Selige Tränen übermannten mich.
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In strudelnden Farben floß ein Lichtmeer um mich.
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Da stand sie vor mir, beugte sich herab.
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Mit bleierner Faust umspannte sie mein Kinn
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und bog es hoch. Aus meinen Tränen mußt ich
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sie ansehn: Aug in Auge – oh Erkenntnis:
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Stein war es! Stein! ein glotzender Opal! –
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Laut schrie ich in die Nacht, und wachte auf;
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da sah ich weinend in den grellen Mond.

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. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Ohnmacht, Scham, Verzweiflung, Selbstgefühl
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schrien mir zu: Spei deiner Qual ins Antlitz!
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Lachhaft, lachhaft ist dein Kampfgewühl,
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Gottnatur ist Menschenwahnwitz!

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Menschheit ist ein sehnsuchtstrübes Rühricht,
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überspannt von einem Regenbogen.
93
Darauf steht die schillernde Inschrift:
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hier wird grenzenlos gelogen!

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Brauchst du Rausch, den hat dir echt und klar
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Noah nach der Sündflut schon erschlossen!
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Und ich brauchte ihn fürwahr.
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Wißt ihr's noch, ihr alten Zechgenossen?

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Strindberg, herrlichster der Hasser,
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Scheerbart, heiliges Riesenkänguruh,
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und vor Allen Du, mein blasser,
102
vampyrblasser Stachu du,

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der mit mir durch manche Hölle
104
bis vor manchen Himmel kroch,
105
Cancan tanzend auf der schwindelnden Schwelle –
106
Przybyszewski, weißt du noch:

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wie wir, spielend mit der blöden
108
Sucht nach unserm Seelenheile,
109
aufgestachelt von der öden
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Wüstenluft der Langenweile

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und der Glut der Toddydünste,
112
unser Meisterstück begingen
113
in der schwierigsten der Künste:
114
über unsern Schatten zu springen?!

115
Wie wir jedes Weib verpönten,
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das nicht männlich mit uns tollte;
117
wie wir selbst auf Nietzsche höhnten,
118
der noch »Werte« predigen wollte!

119
Denn auch wir, wir waren Jeder
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mehr als weiland Faust verschrien.
121
Darum schrieb ich auf mein Dichterkatheder:
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Doctor sämtlicher Philosophieen!

123
Und da sah ich endlich sie erscheinen,
124
die noch niemals jemand sah,
125
sie, die Schöpferin des All-Einen,
126
sie, des Satans Großmama:

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Richard Dehmel
(18631920)

* 18.11.1863 in Münchehofe, † 08.02.1920 in Blankenese

männlich, geb. Dehmel

Nationalökonom, deutscher Dichter und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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