Venus Urania

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Richard Fedor Leopold Dehmel: Venus Urania (1891)

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Der du in Gewittern hausest,
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kommst du, Grollender?
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Tief von unten,
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über Berge und Wolken her:
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suchst du Mich, im dunkeln Mantel Du,
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schwarzgekrönter Wetterherr,
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mit der bleiernen Stirne?

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Höher doch! näher! herauf zu mir,
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mir und meiner Sonne,
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die ich aus Abgrundnacht an meinen
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Himmel setzte mit kettendem Blick,
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die mich erleuchtet, von mir durchglüht,
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aufgegangen in Eine große
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einige einzige Strahlenwelt!

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Ja, du suchst uns,
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willst uns segnen,
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Du mit deiner Donnerglockenstimme,
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willst empor zu
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Strahlenherd, Strahlender du!
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Sehnst dich, hell in unser helles
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lichtfrohlockendes Glück zu blicken,
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du
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Lucifer, Lichtschleudrer,
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weltbelebender Erschüttrer – komm!

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Denn wir kennen dich:
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du bist mein Bruder!
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Komm und sieh: hell
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schaun auch Wir dir
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durch die nachtgraue Maske
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in dein glühend blutendes Herz, das gute:
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Du wirfst Kraft,
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Liebe aufs schmachtende Feld herab,
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wenn du mit wuchtender Faust
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krachend zersprengst
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die dumpf drückende Dunstlast.

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Tobe nur, Kommender! nimm,
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hebe die splitternde Axt!
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Hebe die düstern, schönen,
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schattenumhangenen Lider!
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Grüßt mich, sprüht, ihr jähen,
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Ewigkeit aufschließenden Blicke:
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ja! ich will mich satt sehn, satt
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an dieser funkelnden Unendlichkeit.
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Auf, ihr stürmischen Lippen auch:
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aus eurem rollenden Lobgesang dröhnt mir
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das machtvolle Wort vom Samen der Sehnsucht,
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vom Keim der Kämpfe, der Atem der Lust!

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Sonne, meine Sonne,
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sieh: er hört uns!
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Weh: Er: stählerne
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Ströme sein Blick!
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Über dir – rette dich –
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Sonne, wo
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hilf – o Sonne –
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lieg'ich umklammert,
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liege von blendenden,
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wilden, sausenden Wonnen durchbohrt.

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Sonne, mein zitterndes Licht:
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lache! – nur den Baum,
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sieh, den Felsen nur
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traf sein zischendes Beil.
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Hörst du ihn jauchzen?
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über der klaffenden Buche,
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über den talab polternden Trümmern,
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im flatternden Bart ihn
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jauchzen sein schmetterndes Lied:
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Wecke den Tod,
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Echo! es loht
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von Stamm zu Stamm der Strahl der Kraft;
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Einer stürzt, der tausend drückte.
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Stürzt der Ragende, wachsen die Ringenden;
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tausend wachsen, Einer ragt.
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Tod zeugt Leben – stammelt die Menschheit unten;
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hochher schweigt dazu die Ewigkeit.

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Auf, mein knieendes Glück!
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Grolle nur, Donner! Blitz,
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greller noch! triff, zerbrich,
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was furchtsam zitternde Kronen trägt!
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Uns segnest du,
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uns prüftest du,
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Blut von Deinem Blut, mit heißen
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Fingern in deiner Flammentaufe.

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wir sind fromm und heilig:
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mit gefeitem Diademe krönte
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uns die Liebe,
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unsre lichtfrohlockende Liebe,
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zitternd von Andacht und Inbrunst! Und –
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ja – und trifft auch Uns er,
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will ein Bruderopfer Seine Liebe:
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nimm uns, Lucifer! herrlich
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stürzen wir hin ins Licht auf,
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vermählt verglühend in deiner reinen,
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in unsrer eignen reinen Glut.

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Nein, wir furchten dich nicht,
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rasend liebender Bruder!
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Wir sind Welt wie Du,
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Lucifer, Lichtbringer:
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Ich und meine Sonne,
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die wir Eins mit allem Licht der Welt sind,
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wir
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alle Welt muß

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. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Aber dann ward trunkne Stille;
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war's die Stille der Ermattung?
105
Taumelnd stand mein junger Wille
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vor dem Zwiespalt der Begattung.

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Sollte nicht ein Sturm von Wonne
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aufsprühn, der zwei Welten einigte?
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Warum zagte meine Sonne
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vor dem Glutwind, der mich reinigte?

111
Stumm vernimmt das längst entwichene
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Himmelreich mein wehes Fragen.
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heut versteh ich dein Verzagen.

114
Griechin solltest du mir werden,
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Jüdin bliebst du allerwärts;
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ach, mit Übermenschgeberden
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griff ich in dein menschlich Herz,

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Richard Dehmel
(18631920)

* 18.11.1863 in Münchehofe, † 08.02.1920 in Blankenese

männlich, geb. Dehmel

Nationalökonom, deutscher Dichter und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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