Venus Pandemos

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Richard Fedor Leopold Dehmel: Venus Pandemos (1891)

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Das war das letzte Mal. Im Nachtcafé
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der Vorstadt saß ich, müde vom Geruch
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der schwülen Sofapolster und des Punsches,
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der vor mir glühte, und vom Frauendunst
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der feuchten Winterkleider; müde, lüstern.

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Die Tabakswolken schwankten vom Gelächter
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und feilschenden Gekreisch der bunten Dirnen
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und Derer, die drum warben. Das Gerassel
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der Alfenidelöffel am Büffet
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ermunterte den Lärm des Liebesmarktes,
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ununterbrochen, wie ein Tamburin.

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Ich saß, den langen Mittelgang betrachtend,
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und lauschte, wie das Licht des Gaskronleuchters,
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der drüber hing, sich mühsam mit den Farben
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auf den Gesichtern um die Marmortische
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in seiner gelben Sprache unterhielt;
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wozu der schwarze Marmor blank auflachte.

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Ich war schon bei der Wahl – da teilte sich
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die rote Türgardine neben mir:
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ein neues Paar trat ein. Ein kalter Zug
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schnitt durch den heißen Raum, und Einer fluchte;
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die Beiden schritten ruhig durch den Schwarm.
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Mir grade gegenüber, quer am Ende
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des Ganges, als beherrschten sie den Saal,
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nahmen sie Platz. Der bronzene Kronleuchter
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hing über ihnen wie ein schwerer alter
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Thronhimmel. Keiner schien das Paar zu kennen.
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Doch hört'ich rechts von mir ein heisres Stimmchen:
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»bejejent muß ik die woll schon wo sein.«

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Er saß ganz still. Das laute Grau der Luft
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schrak fast zurück vor seiner krassen Stirne,
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die wachsbleich an die schwachen Haare stieß.
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Die großen blassen Augenlider waren
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tief zugeklappt, auf beiden Seiten lag
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ihr Schatten um die eingeknickte Nase;
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der dürre Vollbart ließ die Haut durchscheinen.
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Nur wenn die üppig kleinere Gefährtin
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ihm kichernd einen Satz zuzischelte,
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sah man sein eines schwarzes Auge halb
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und drehte sich sein langer dünner Hals,
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langsam, und kroch der nackte Kehlkopf hoch,
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wie wenn ein Geier nach dem Aase ruckt.

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Es wurde immer stiller durch den Raum;
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sie blickten Alle auf den stummen Mann
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und auf das sonderbar geduckte Weib.
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»sie ist ganz jung« – war um mich her ein Flüstern;
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auch trank sie Milch, und gierig wie ein Kind.
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Doch schien sie mir fast alt, so oft die Zunge
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durch eine Lücke ihrer trüben Zähne
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spitz aus dem zischelnden Munde zuckte, während
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ihr grauer Blick den Saal belauerte;
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das Gaslicht gleißte drin wie giftiges Grün.
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Jetzt stand sie auf. Sein Glas war unberührt;
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ein großes Geldstück glänzte auf dem Marmor.
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Sie ging; er folgte automatisch nach.
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Die rote Türgardine tat sich zu,
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der kalte Zug schnitt wieder durch die Hitze,
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doch fluchte Keiner; und mir schauderte.

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Ich blieb für mich – ich kannte sie auf einmal:
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es war die Wollustseuche und der Tod.

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. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Weicht, ihr Schatten! – Wie sie zucken,
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wie die Fensterhöhlen drohn!
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Ja, ihr mögt manch Opfer schlucken;
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aber ich, ich sprech euch Hohn!

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Die Laternen flackern greller,
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jäh erlosch das letzte Fenster;
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jeder Stern erscheint noch heller –
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niemals sah ich die Nacht beglänzter!

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Ich! Denn ach –: ich kannte Einen,
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der sah nie zu gleicher Zeit
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Sterne, Fenster und Laternen scheinen –
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dieser Ärmste tut mir leid.

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Beim Geschmetter einer Blechkapelle
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kann er keine Nachtigall hören,
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ohne daß sich auf der Stelle
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seine zarten Ohren empören.

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Ich indessen – o Mirakel –
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höre das Lied der Nachtigallen
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durch den ärgsten Höllenspektakel
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nur noch himmlischer erschallen.

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Ich Barbar! ich brauch mir meine
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Nerven nicht zu vergesundern;
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ich kann beim Laternenscheine
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manchen Stern erst recht bewundern.

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Mir wehrt keine Kunstscheuklappe
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meinen freien Blick durchs Fenster,
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weder Holz noch Blech noch Pappe –
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niemals sah ich die Nacht beglänzter!

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Denn ich weiß, wie Du mich Einsamen
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einst zum edelsten Trotz anschürtest,
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als ich dich, du Allgemeinsame,
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selbst im schmutzigsten Elend spürte,

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Richard Dehmel
(18631920)

* 18.11.1863 in Münchehofe, † 08.02.1920 in Blankenese

männlich, geb. Dehmel

Nationalökonom, deutscher Dichter und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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