Venus Anadyomene

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Richard Fedor Leopold Dehmel: Venus Anadyomene (1891)

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Das ist die alte Stimme wieder,
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aus langen Träumen jung erwacht.
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Sie sang die allerersten Lieder,
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trunken und schüchtern. Sie singt und lacht:

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Über dem grünen Roggenmeere
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wiegte die Glut zwei Pfauenaugen.
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Blühend roch die brütende Leere.
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Tief im grünen Roggenmeere
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lag ein Knabe mit blauen Augen.

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Das war, als du noch Fehle hattest,
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noch alte Furcht und fremde Scham,
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als du noch keine Seele hattest,
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die nur aus

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Aber du sahst die Falter leuchten,
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mit flackernden Flügeln bunt sich greifen;
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träumte dir von zwei dunkelfeuchten
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Augen, und die sahst du leuchten
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unter bunten, flatternden Schleifen.

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Das war die Zeit des Schaums der Säfte,
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die Ähren stäubten gelben Seim;
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vieltausendjährige Sehnsuchtskräfte
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erregten schwellend einen Keim.

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Ahntest unterm andern Kleide
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andre nackte Glieder klopfen.
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Deine Hände flackerten beide.
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In die einsam heiße Haide
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quoll ein erster Samentropfen.

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Das tat die Sehnsucht dieser Erde,
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die opfernd um die Sonne schweift.
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Sie sprach das allererste Werde.

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. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Habe Dank, du dunkle Geisterstimme!
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Ja, du hilfst mir meine Not begreifen.
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Auf! ich fühl's, wie trüb ich glimme;
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laß uns nach Erleuchtung schweifen!

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Mühsam von Enttäuschung zu Enttäuschung
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hab ich mich hierher gewunden,
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um in eisiger Verkeuschung
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starr zum Gleichmut zu gesunden.

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O! noch Einmal war mir aufgegangen
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zweier Augen lockende Hoffnungsmacht:
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eines Sommerglückes Prangen
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mitten in der Winternacht.

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Als mein Herz am allerinnigsten bebte
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– Wundertäterin, hoffst du
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schloß ich's ein in dies verspinnewebte
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kahle Vorstadtkellerloch.

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Wie's mich anhöhnt! Hinter mir, ihr Geister,
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schnarcht die Mitwelt meiner Zelle:
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mein schwerhöriger Schustermeister,
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und sein närrischer Altgeselle.

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Wochendurch hat dieser ledige
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Fleischfeind christlich mich zerrauft,
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Schmachtriemsweisheit mir gepredigt;

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Nacht für Nacht versucht von Träumen
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dehn'ich mich auf meinem harten Lager,
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immer zuchtloser mich bäumend,
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immer gieriger, immer magrer.

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Wie mich hungert! Wie die roten
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Freudenfenster drüben blinken:
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Blut, von dem die scheinbar toten
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Geister meines Innern trinken.

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Trinkt! Beleuchtet mir die Pfade,
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die wir trunken einst geirrt,
65
daß mir endlich, endlich doch die Gnade
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glutgeläuterter Erkenntnis wird!

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Steig empor, du übersehr verschönte
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Jünglingslust mit deiner üppigen Zierde!
69
Ja, ich hör mich, wie ich nach dir stöhnte,
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ferne Göttin meiner ersten Begierde,

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Richard Dehmel
(18631920)

* 18.11.1863 in Münchehofe, † 08.02.1920 in Blankenese

männlich, geb. Dehmel

Nationalökonom, deutscher Dichter und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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