Götter der Zeit, ich schmähte gestern

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Richard Fedor Leopold Dehmel: Götter der Zeit, ich schmähte gestern Titel entspricht 1. Vers(1891)

1
Götter der Zeit, ich schmähte gestern,
2
und schmähen will ich euch auch heut,
3
Götter der Zeit, euch ewig lästern,
4
hört mein lachendes Lästergeläut!

5
Ihr führt die Macht, ich führe Klage,
6
ich führe das Wort in meiner Macht!
7
Dreizehn liegt ihr beim Gelage;
8
das bedeutet Totenwacht,
9
Unfall, Hinfall – singt die Sage.
10
Götter, nehmt euch bald in Acht!
11
sehr schnell eilen die lustigen Tage,
12
Götter, Götter, und Loke lacht!

13
Ja, ich saß in jüngeren Stunden
14
zu Gast in eurem Göttersaal:
15
an dem Strick, den ihr gebunden,
16
hingeschleift zu euerm Mahl.
17
Darum: eure eiternden Wunden,
18
Loke kennt, kennt ihre Zahl!

19
Ekel fühlt'ich vor den vollen Gefäßen,
20
und euer Wein war ekler noch;
21
euer Singsang verdarb mir das Essen,
22
der fad wie dünne Brühe roch.
23
Drum: das könnt ihr Loke nicht vergessen,
24
daß er nicht lobkrähend vor euch kroch.

25
Nein, ich
26
will nicht singen für euern Fraß;
27
nein, ich will euch lieber schmähen
28
mit meinem großen, schönen Haß!

29
Meine Sehnen habt ihr mir zerstochen,
30
mich geschmiedet auf dies Gletscherjoch,
31
mir die Zähne ausgebrochen,
32
aber meine Zunge lästert doch!

33
Ja: ich habe eure Schmach verraten,
34
Götter – das war all mein Fehl!
35
eure heiligen Gräuelthaten,
36
eurer festen Schlösser Sündenhehl.

37
Drum heißt Loke der Erste der Hasser,
38
der Lästerer Erster in euerm Lied;
39
ja, es ehrt, es ehrt ihn, daß er
40
Verräter verriet!

41
Wenn den Gewaltigen straft der Schwache,
42
dann heißt die Strafe Rachewut.
43
Sei's! Ja, Götter: ich übte Rache,
44
hört es, Rache – und rächte gut!

45
Habe erbrochen die Bundeslade,
46
habe den Moder ans Licht gekarrt,
47
euch abgerissen die Maskerade
48
und eure Nacktheit offenbart.

49
Habe euern Götzendienst verachtet,
50
von euren Bildern den Flitter geklopft,
51
habe das goldne Kalb geschlachtet,

52
Habe gerächt, du alte Götterhure,
53
gerächt all meiner Jugend Weh,
54
als ich knien gemußt zum eklen Schwure
55
und dir Weihrauch streun, du Afterfee!

56
Ja: mein Wahrheitswort, das lachte
57
ins Gesicht dem Götterpack,
58
daß ihr Schloß und Tempel krachte –
59
hah, wie rannte das Köterpack,

60
die Göttervetteln, die Götterpinsel:
61
Der knöpfte die Hosen zu, Die nahm
62
die Unterröcke mit Gewinsel
63
vor die welke, verschrumpfte Scham.

64
Aber die Lüge ging zum Pfuhle
65
und fischte Nattern im dumpfen Hain;
66
die ließ die tückische Götterbuhle
67
Gifte in Loke's Antlitz spein.

68
Und dann schlugen sie Loke in Ketten,
69
Hundert gegen Einen war die That;
70
doch – in ihren Götterlotterbetten
71
schrein sie doch von Hochverrat.

72
Ja, in Ketten liegt er auf der Klippe,
73
aber seine Zunge ist noch frei,
74
und die alten Göttergerippe
75
zittern

76
In den langen Nächten seiner Qualen
77
sitzt an seinem harten Bett sein Weib,
78
schützt ihm liebreich mit krystallnen Schalen
79
vor dem Natterneiter seinen Leib.

80
Wenn dann die tückischen Vipernrotten
81
beißen wollen die treue Hand,
82
dann hört Loke auf zu spotten:
83
wie der Sturm dann bricht sein Zorn ins Land.

84
Wenn er seine Ketten schüttelt,
85
dröhnen die Berge und das Feld;
86
in Hütten und Burgen, wachgerüttelt,
87
ahnt man bebend das Ende der Welt.

88
Da hört Loke auf zu lästern,
89
sondern aus den düstern Augen drohn
90
sengende Blitze den Götternestern,
91
und er ruft nach seinem Sohn.

92
Der Midgardsdrache, der Weltzerstörer,
93
dann läßt er rasseln sein Schuppenfell
94
und reckt den Schwanz, der Weltempörer,
95
hinten am wilden Wolgaquell.

96
Und es prasseln und knacken und splittern
97
die Forsten im Wolkonskywald,
98
und die Pyrenäen zittern,
99
wo sein Bauch sich zuckend ballt.

100
Aber die Brust zerpeitscht zu Schäumen
101
der
102
deren Ufer noch glühn und träumen
103
von Erlösung und von Blut.

104
Aber: wo der Drache das Haupt geborgen,
105
fragen die feigen Götter und schrein.
106
Ewig folgt auf heute morgen;
107
mein Bescheid wird euer Gestern sein!

108
Denn wenn Er sein Haupt erhebt zur Rache,
109
Götter,
110
Wißt ihr, wenn erst zischt der Drache,
111
wird euch

112
Dann erliegt die Welt dem Brande,
113
der verbrennt, was brennen soll,
114
der das Gold befreit vom Schlackensande,
115
der verschont, was lebensvoll.

116
Und der alte, dürre Norden,
117
dann vom Feuer reingeglüht,
118
fruchtbar Ascheland geworden,
119
saamt sich neu, gebärt und blüht.

120
Dann, in ewig grünen Hainen,
121
neu geboren, lebt ein frei Geschlecht
122
nicht verkrümmt von heiligen Gängelleinen,
123
Keiner mehr ein Götterknecht.

124
Götter, wenn sich dann die Raben
125
um eure Gräber tummeln auf der Flur,
126
keine Thräne wird dann Loke haben,
127
seine ewig junge Hoffnung nur!

128
Ja: sein Gelächter fiel gleich Steinen
129
schwer in eure Götterruh,
130
denn er glaubt an jenen seinen Einen,
131
nicht an Euer Blindekuh.

132
Doch euren Gräbern lacht sein Geläute
133
wie Freundesworte: Götter der Zeit,
134
ruhet in Frieden ... aber heute
135
leben die Götter der Ewigkeit!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Richard Dehmel
(18631920)

* 18.11.1863 in Münchehofe, † 08.02.1920 in Blankenese

männlich, geb. Dehmel

Nationalökonom, deutscher Dichter und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.