Venus Bestia

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Richard Fedor Leopold Dehmel: Venus Bestia (1891)

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Ich und mein Freund, wir saßen einmal
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in einem menschenheißen Weinlokal;
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zwei Tisch weit neben uns saßen
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ein Herr und eine Dame, offenbar
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– den Ringen nach – ein jüngeres Ehepaar,
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deren Blicke sich manchmal vergaßen.
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Mein Freund sah weg, wir lächelten eigen,
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wir schwiegen unser bestes Schweigen.

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Der Gatte nahm jetzt die Speisekarte,
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den kleinen Finger gespreizt – dran saß
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ein Nagel, langgefeilt und leichenblaß,
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der spitz wie eine Kralle starrte;
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der Zeigefinger war stumpf beschnitten.
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Die Frau saß weich zurückgesunken;
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aus ihren Augenhöhlenschatten glühten
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wie zwei Kohlenfunken
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Blicke hinüber auf seine Finger,
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dunkle, glimmende Blicke hin.
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Ich weiß nicht, mir kam der Raubtierzwinger,
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der Zoologische Garten in Sinn;
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ja – die Tigerin!
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So lag sie neulich hinter dem Gitter,
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die ferne Gier im schwarzen Blick,
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im weichen Fell ein gelb Gezitter,
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und wartete brütend auf das braune Stück
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Fleisch, das draußen der Wärter brachte,
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das tote Fleisch – es roch so matt,
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nicht warm nach Blut – sie lag so satt;
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jetzt kam er, ihr purpurnes Auge lachte,
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es war doch Fleisch! hoch griff sie zu,
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die triefenden Kiefer kniff sie zu,
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nun lag sie drüber mit brünstigen Pranken,
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die Zunge gekrümmt, die Zähne stier,
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sie konnte nicht fressen vor röchelnder Gier,
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flackernd leckte der Schweif die Flanken,
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im Blick ein Grün von hohlem Hasse –
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wie dieser Tigerin zuckender Rachenschlund
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war mir das Auge der Frau da, und
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da sagte mein Freund: Du, das Weib hat Rasse!

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Jetzt hob der Gatte das Genick;
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Dem saß der gelbe Wolf im Blick.
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Zittrig über sein hartglatt Kinn
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strich sein Krallennagel hin,
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ein goldnes Münzenarmband hing
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ihm ums Handgelenk und machte kling;
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seine breitroten Lippen glühten
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durch den magern Schnurrbart wie Dornstrauchblüten,
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die Backen schmeckten ein Gericht,
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dann senkte sich wieder sein Gesicht.
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Ich sah eine lautlos stürzende Meute,
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mit kochenden Zungen, durch bleiche Nacht,
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steif die Ruten gesträubt, fern Schlittengeläute,
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die witternden Nüstern steil ins Weite,
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in keuchender Jagd,
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und jeder aus der schäumenden Masse
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würde, den heißen Hunger zu kühlen,
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blind, auch im Eignen Fleisch und Geschlechte wühlen –
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da bemerkte mein Freund: Du, auch der Kerl hat Rasse!

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Jetzt wurden sich die Beiden schlüssig,
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sie trafen sich mit ihren Augen;
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die schienen sich ineinander zu saugen,
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fast durstig und fast überdrüssig,
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ganz langsam. Und plötzlich stand mir klar
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gestern das große schwarze Schneckenpaar
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in dem nassen Fliegenpilz vor Augen,
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das Moderlaub im feuchten Park;
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ich sah die beiden schwarzen Schleime
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in dem weißen Fleische, dem giftigen Mark
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des roten Pilzes schmausen und saugen
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wie in einem Honigseime –
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und sah dort drüben den Gattenblick.
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Ich mußte, ich schob den Stuhl zurück:
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Komm! stieß ich mit dem Freunde an.
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Er wunderte sich: Warum denn, Mann?
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Komm, sagt'ich; bitte, thu mir die Liebe! –
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Wir zahlten. Wir traten auf die Straße,
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ins Wagengerassel, ins Menschengeschiebe,
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und immerfort hört'ich: Rasse, Rasse, Rasse ...

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Richard Dehmel
(18631920)

* 18.11.1863 in Münchehofe, † 08.02.1920 in Blankenese

männlich, geb. Dehmel

Nationalökonom, deutscher Dichter und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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