Gebet der Sucht

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Richard Fedor Leopold Dehmel: Gebet der Sucht (1891)

1
Niemals sah ich die Nacht beglänzter,
2
diamantisch reizen die Fernen;
3
durch mein staubiges Kellerfenster
4
sticht der Schein der Gaslaternen,

5
schielt auf meine frierenden Hände,
6
und ich fühle meinen Hunger;
7
grau sind diese nackten Wände,
8
und sie flimmern. Und mein junger

9
irrender Wille kann sich nicht mehr täuschen
10
unsre Lüste wollen fruchtbar sein!
11
Mit den Schatten meiner keuschen
12
Kammer spielt ein schwüler Schein.

13
An den hohen Häusern drüben glühen
14
aus der Finsternis die Fenster,
15
wo die Freudenmädchen blühen –
16
niemals sah ich die Nacht beglänzter!

17
Und die Sterne sind wie brennende Blicke,
18
Welten sehnen sich nach mir!
19
Ich verschmachte. Ich ersticke.
20
Ja: ich frevelte an Ihr!

21
Selbst in meiner kalten Zelle
22
fühlte ich das Leben toben,
23
der ich wagte, dieses schnelle
24
Herz zu dämpfen; aber oben

25
über meinem dunklen Thale,
26
Venus, seh ich angebrannt
27
Deine flammenden Fanale,
28
und den Blick hinaufgewandt

29
ruf'ich aus dem tiefen Turme
30
meiner Aengste zu dir hoch:
31
Göttin, wandle dich zum Wurme,
32
sei im Wurme Göttin noch!

33
Sausend schaukelt eine Not mein Herz
34
wie in erster süßer Knabenfrühe;
35
ich verschmachte! ich verglühe!
36
jeder Stern ist mir ein Schmerz, –

37
ihrer Strahlen ferne starre Ruten
38
martern, wenn du mich nicht kühlst,
39
wenn nicht Du mit deinem brünstigen Blute
40
meine brennenden Dürste stillst!

41
Sieh, es lichtet sich ein neues Fenster,
42
zuckt ein steiler Kerzenstreifen –
43
niemals sah ich die Nacht beglänzter!
44
Ja: entzünde dich dem Reifen,

45
Ewige, lächle: Deine Kerzen bleiben,
46
alle andern sind verblichen!
47
Hinter jenen schwarzen Scheiben
48
schlafen alle Ordentlichen ...

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Richard Dehmel
(18631920)

* 18.11.1863 in Münchehofe, † 08.02.1920 in Blankenese

männlich, geb. Dehmel

Nationalökonom, deutscher Dichter und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.