So war's. So stand ich: dumpf, doch fühlend: stumm

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Richard Fedor Leopold Dehmel: So war's. So stand ich: dumpf, doch fühlend: stumm Titel entspricht 1. Vers(1891)

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So war's. So stand ich: dumpf, doch fühlend: stumm:
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im roten Saal, reglos, in dunkler Ecke:
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dumpf, starr und fühlend: schwer: Stein unter Steinen:
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bang: starr, und fühlend! –
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Die schlanken Alabastersäulen leuchten;
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vom hohen Saum der Purpurkuppel hängen
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und glänzen weit ihr silbern Licht herab
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im Doppelkreis die großen weißen Ampeln;
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die roten Nischen bergen zarte Schatten
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und spiegeln sich im blanken Pfeilerwerk;
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es ist so still ...
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Und stumm gleich mir und unbewegt, von Nische
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zu Nische, stehn Gestalten: Mann und Weib.
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In weißer Nacktheit stehn sie schimmernd da;
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die glatten Sockelblenden werfen Strahlen;
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die roten Wände füllen lebensweiche
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geheime Schmelze um den Rand der Glieder;
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von Kraft und Ruhe träumt der reine Stein;
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sie sind so schön ...
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Ich aber hocke in der dunklen Ecke
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und fühle meines Leibes Magerkeit
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und meiner Stirne graue Sorgenfurchen
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und meiner Hände rauhe Häßlichkeit.
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In meinem Staub, in meinen Straßenlumpen
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mißfarben angetüncht, so hocke ich
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auf fahlem Postamente, steif und bang,
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vor ihrer Nacktheit mich der Kleider schämend:
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Stein unter Steinen ...
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Nur Einer atmet in der stillen Halle.
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Dort in der Mitte, auf dem mattgestreiften
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eisblassen Marmor, liegt im Dornenkranz,
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blutstropfenübersät die bleiche Stirn,
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ein Mensch und schläft. Sein weißer Mantel hebt sich
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in langen Falten leise auf und nieder.
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Im Silberlicht der Ampeln glänzen rötlich
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der schmale Bart, das schwere, weiche Haar.
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Hinauf zur Kuppel bebt der milde Mund;
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so lautlos schön ...
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Nun kommt ein Seufzen durch den stummen Glanz.
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Die stillen Lippen haben sich geöffnet.
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Im blanken Alabaster spiegelt sich
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des blutbesprengten Hauptes leise Regung.
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Klar, langsam thun zwei große blaue Augen
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empor zur Purpurwölbung weit sich auf,
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sanft auf; und alles Rot und Weiß des großen
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Gemaches überleuchtet dieser großen
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verklärten Augensterne dunkeltiefes,
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unsäglich tiefes, dunkles, sanftes Blau.
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So steht er auf ...
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Da scheinen sich die Steine rings zu rühren,
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die weißen Glieder eigner sich zu röten,
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und nur von Sehnsucht starr. Er aber wandelt.
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Die Dornenkrone bebt; und wie er sacht
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von Postament zu Postamente schreitet,
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und Wen er ansieht mit den blauen Augen,
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der lebt und steigt in Schönheit zu ihm nieder,
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Der lebt, Der lebt! –
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Und steigend, wandelnd, aus den Purpurzellen,
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in warmer Nacktheit leuchtend Leib an Leib,
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folgt Paar auf Paar ihm von den Marmorschwellen,
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so stolz, so stolz, umschlungen Mann und Weib.
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Von ihren Stirnen, von den lichtbetauten
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sorglosen Lippen ein Erwachen flieht,
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der weite Saal erklingt von Menschenlauten,
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es schwebt ein Lied.
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Es schwebt und klingt: »So wandeln wir in Klarheit
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und wissen aller Sehnsucht Sinn und Ziel:
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in Unsrer Schönheit haben wir die Wahrheit,
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zur Freude reif, und frei zum kühnen Spiel!«
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So schwebt das Lied ...
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Ich aber hocke in der dunklen Ecke,
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und fühle meiner Glieder Häßlichkeit
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und meiner Stirne graue Sorgenfurchen,
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und fühle neidisch ihre warme Nacktheit
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und frierend ihren Jubel – ich ein Stein.
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Von Pfeiler hell zu Pfeiler tönt der Zug,
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des stillen Wandlers Dornenkrone bebt,
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ich aber bebe mit in meinen Lumpen
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und warte, warte auf die blauen Augen
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und will
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Und näher glänzt und klingt es um die Säulen;
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vom letzten Sockel folgt ein Mädchen ihm;
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er kommt! er kommt! –
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Und er steht vor mir. Da verstummt der Zug;
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ich fühle ihre stolzen Augen staunen
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und fühle seine, seine Augen ruhn
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in meinen, ruh'n, und will mich an ihn werfen
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und will ihm küssen seinen milden Mund,
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da brechen perlend seine Wunden auf,
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die bleiche Stirn, die Lippe zuckt, – er spricht,
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ihm schießen Thränen durch den blutigen Bart,
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spricht: »Deine Stunde ist noch nicht gekommen!«
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Und ich erwachte. Weinend lag ich nackt;
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nackt wie die Armut.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Richard Dehmel
(18631920)

* 18.11.1863 in Münchehofe, † 08.02.1920 in Blankenese

männlich, geb. Dehmel

Nationalökonom, deutscher Dichter und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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