Ein Dankopfer

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Richard Fedor Leopold Dehmel: Ein Dankopfer (1891)

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Dumpf knirscht das Stroh der Lagerstatt;
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»oh Luft, oh Luft!« zuckt auf ein Mund.
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»oh mein blasses Kind! mein welkes Blatt,
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mein krankes Glück!« keucht stumm und wund
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ihr Weh die heiße Lunge hoch;
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»ich darf nicht küssen mehr mein Kind« –
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quillt hohl ein Hauch – »o

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Hart rasselt durch die Kammer hin
9
der blanke Nähmaschinenstahl;
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und die Tochter hebt das fahle Kinn,
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und es stockt das Rad; ein Sonnenstrahl
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malt Flammen auf die kahle Wand
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und auf der Mutter Schneegesicht
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und auf der Tochter feuchte Hand.

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Und brennend Hand in Hand sich saugt
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und die sieche Brust an die sieche Brust,
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und brennend Aug' in Auge taucht:
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Oh süßes Licht! – o du leuchtende Lust!
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o dunkler Tod –! blüht ein Gebet
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wie Rosen durch den goldnen Schein;
21
»o

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Vom Tische rauscht das Zeitungsblatt
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aufs Bett; und wieder rasselt hart
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der kalte Stahl. Und die Mutter matt
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schlägt
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und starrt und liest, – und purpurn sprießt,
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auf der weißen Wange der Nelkenfleck
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sprießt purpurn auf; und sie starrt und liest.

29
Das – ist –
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hin über die Dächer ihr Auge glüht, –
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und es wächst und es winkt aus der Sonnenflut
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eine schimmernde Stirn, und ein Fittig sprüht,
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und tausend Seelen ruhen drauf,
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und es küßt sie alle ein Heilandsmund,
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und er trägt sie alle zur Sonne hinauf, –

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und es träufen hernieder, ein funkelnder Tau,
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Lichtperlen des Lebens zum dunkeln Grund, –
38
und nun jauchzen die Seelen auf blumiger Au, – –
39
und es schluchzt durch die Kammer ein stammelnder Mund
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und ein Schrei der Wonne zum Himmel gellt:
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»er macht uns Alle gesund, gesund!

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Und »Mutter, Mutter!« die Tochter keucht,
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und es stockt das Rad, und am Bett sie liegt,
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wo von zuckender Lippe zum Kusse geneigt
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hin über die Zeilen ein Blutquell bricht;
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auf flackert verlöschend ein letzter Blick,
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hohl quillt ein Hauch von letzter Lust:
48
»gerettet
49
Umklammert ruht in feuchter Hand
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die starre Hand; die Abendglut
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malt flammende Rosen an die Wand;
52
schwarz leuchtet Wort an Wort im Blut,
53
wie Ein Geist tausend Leben regt;
54
und durch die stumme Kammer weht

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Richard Dehmel
(18631920)

* 18.11.1863 in Münchehofe, † 08.02.1920 in Blankenese

männlich, geb. Dehmel

Nationalökonom, deutscher Dichter und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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