Die Magd

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Richard Fedor Leopold Dehmel: Die Magd (1891)

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Maiblumen blühten überall,
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er sah mich an so trüb und müd, –
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im Faulbaum rief die Nachtigall:
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die Blüte
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Von Düften war die Nacht so warm,
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wie Blut so warm, wie unser Blut,
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und wir so jung und freudenarm, –
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und
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das zuckende Lied: Die Glut
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und Er so treu und mir so gut ...
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In Knospen schoß der wilde Mohn,
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es sog die Sonne unsern Schweiß;
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es wurden rot die Knospen schon,
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da wurden meine Wangen weiß.
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Ums liebe Brot, ums teure Brot
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floß
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der wilde Mohn stand feuerrot, –
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es war wol fressendes
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es ward auch
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und die Sonne stach im Korn ihn tot ...

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Die Astern schwankten bleich am Zaun,
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im feuchten Wind die Traube schwoll;
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im Hofe zischelten die Frau'n,
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der Apfelbaum hing schwer und voll.
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Es war ein Tag so regensatt,
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wie einst sein Blick so blaß und matt;
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die Astern standen braun und naß,
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vom gelben Blatt der Nebel troff;
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da stieß man sie voll Hohn und Haß,
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die sündige Magd, hinaus vom Hof ...

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Nun blüht von
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die Thräne friert im schneidenden Wind;
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aus flimmernden Scheiben glüht der Schein
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des Christbaums auf mein wimmernd Kind.
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Die hungernden Spatzen bettelnd schrein,
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vom blanken Dach die Krähe krächzt;
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am schlaffen Busen zitternd ächzt
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mein Kind, und Keiner läßt uns ein;
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wie die Worte der Reichen so scharf und weh
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knirscht unter mir der harte Schnee.

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So weh – oh, bohrt es mir im Ohr:
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du Kind der Schmach! du Sündenlohn!
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Und dennoch beten sie empor
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zum Sohn der Magd, dem Jungfraunsohn?! –
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Oh, brennt mein Blut – was that denn
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war's Sünde
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Mein Kind, mein Heiland – weine nicht:
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ein Bett für dich – dein Blut für mich –
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vom Himmel rieselt's silberklar:
50
wie träumt es sich so süß im Schnee –
51
was
52
war's

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Richard Dehmel
(18631920)

* 18.11.1863 in Münchehofe, † 08.02.1920 in Blankenese

männlich, geb. Dehmel

Nationalökonom, deutscher Dichter und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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