Jetzt sollt ihr hören ein

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Richard Fedor Leopold Dehmel: Jetzt sollt ihr hören ein Titel entspricht 1. Vers(1891)

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Jetzt sollt ihr hören ein
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von Zagen und Erbarmen
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Der Winternachtsturm schreit im Ried
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und peitscht das Schilf wie Heu umher;
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vor seinem Schnauben erstarrt das Moor,
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zerknicken die Binsen, zerbricht das Rohr! –

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Die Hütte umheult er am Haiderand
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und schüttelt die Pfosten der rissigen Wand
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und reißt an den Haspen und Sparren,
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daß im Froste sie kreischen und knarren
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und drinnen am Ofen die Kinder erschauern
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und dichter zum Schooße der Mutter sich kauern.

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Die streckt von Aengsten dumpf gerührt
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zum Vater, der finster mit hastiger Faust
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Flugschriften zu Stößen und Ballen schnürt,
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die bittenden zitternden Hände:
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»ach, Mann! geh
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Doch stumm aus dem Packen ein Blatt er zaust
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und weist ihr die Worte am Ende:

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Mensch preßte den Menschen in Schmach und Acht,
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weil Jeder nur immer sich selber bedacht;
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so habt ihr euch selber zu Knechten gemacht!
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drum schaart euch, ihr Schwachen,
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Stützt Rücken an Rücken zum rettenden Heer,
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so schwellen die Wellen zum donnernden Meer,
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die Fünkchen zu sausenden Flammen! –

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Die Backen ihm zucken, hart er spricht:
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»drum bettle nicht! drum quäl' mich nicht!
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ich hab's den Genossen geschworen!
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Der Wahlruf muß
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sonst mach' ich den

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»geh nicht, geh nicht! was schiert der Sieg
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dein Weib und die jammernden Kleinen!
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Geh nicht, geh nicht – die zweite Nacht
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das Eis erst steht! o Gott, es kracht,
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es bricht! o sieh mich weinen!

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es schreit zum Himmel! dein Leben ist
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Da flackert sein Auge von Zorn und Pein:
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»schrei lieber zu Teufel und Hölle!«
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und grimmig wuchtet die Last er hoch
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und knirscht, schon tritt er die Schwelle:

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»hat's etwa dein Herrgott zu
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daß Morgen um Morgen ich muß in den Schacht
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die Knochen für'n Hungerlohn tragen?
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und sollte mein Leben nicht Eine Nacht
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für Glück und Gerechtigkeit wagen?!

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Die Windsbraut stöhnt und ächzt im Schlot.
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Des Mondes Stirne blank und kalt
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am fahlen Horizonte droht.
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Der Bergmann glüht; er trieft von Schweiß.
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Wie Thränenströme flimmern im Eis
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des Mondes bleiche Blicke.

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Der Bergmann glüht, der Bergmann keucht, –
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doch bald: dann hat er die Brüder
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schon glitzern – – da knistert's, da biegt es sich sacht –
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ein Hilfegestammel – da spellt es und kracht
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und schollert – – ein Seufzer verbrodelt im Moor, – –
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schrill winselt's im Schilf, hohl röchelt's im Rohr;
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hui! zischt es und pfeift's in den Binsen ...

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Oh rauher, o rauher, mein rauhes Lied!
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kein Witwengewimmer! kein Waisengestöhn!
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nach
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Doch fernher rauscht der
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dann
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die Ernte der Schnitter des Elends naht!

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Dann
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dann wühlt er die Opfer
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die Helden alle, die Niemand weiß, –
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und jedes Toten verwitterter Mund
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wird klaffend nach Rache dann blecken
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und tausend Lebendige wecken!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Richard Dehmel
(18631920)

* 18.11.1863 in Münchehofe, † 08.02.1920 in Blankenese

männlich, geb. Dehmel

Nationalökonom, deutscher Dichter und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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