Dahin

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Richard Fedor Leopold Dehmel: Dahin (1891)

1
Ueber Rußlands Leichenangesicht
2
faltet hoch die Nacht die blassen Hände;
3
auf das stumme, weiße, kalte Antlitz
4
hohlen Auges starrt die Nacht und lauscht.
5
Gellend hallt ein Geläute.

6
Dumpf ein Stampfen von Hufen – ein Schlitten kreischt,
7
fahl flatternder Reif – der Schlitten fliegt;
8
es dampfen die Pferde, die Peitsche pfeift,
9
stiebende Furchen die Kufe pflügt;
10
flimmernd zittern die Birken.

11
»knecht, was hörtest du von –
12
Bang aufschreckend der Bauer horcht erschauernd,
13
wie da hinter ihm das steinern bleiche
14
Antlitz mit den harten Lippen
15
Laute so voll Trauer spricht.

16
Rückwärts horcht der Alte – hockt und starrt,
17
starrt und staunt mit frommer Furchtgeberde:
18
drüben weit im Osten aus der Erde
19
drohend taucht die rotgeballte
20
Mondfaust in die öde Nacht, –

21
düster wie von Blut die lange Straße glimmt,
22
wie von Blut die blanken Birken perlen,
23
wie von Blut umtropft das Haupt im Schlitten thront, –
24
»knecht, was
25
Klagend schrillt das Geläute.

26
Auf zuckt der Bauer, die Peitsche klatscht,
27
die Glocke schreit, hohl rauscht's im Schnee, –
28
und schwer nun, feiervoll und sacht,
29
wie uralt Lied so dumpf und weh,
30
kommt Wort um Wort gezogen:

31
»groß am Himmel stand die schwarze Wolke,
32
fressen wollte sie den heil'gen Mond, –
33
und zerstoben ist die schwarze Wolke.
34
Volk, was weinst du?

35
Stolz der kalte
36
fressen sollte sie die stillen Sterne, –

37
Und es war ein großes schwarzes Heer,
38
und es war ein stolzer kalter Kaiser, –
39
aber unser Mütterchen das heil'ge Rußland
40
hat viel tausend tausend stille warme Herzen,

41
Hohl verschluckt der Mund der Nacht die Laute,
42
dumpfhin rauschen die Hufe, die Glocke wimmert;
43
auf den nackten Birken flimmert
44
rot der Reif, der mondbetaute.
45
Den Kaiser schauert.

46
Durch die leere Ebne irrt sein Auge:
47
über Rußlands Leichenangesicht
48
faltet hoch die Nacht die blassen Hände,
49
hängt der große rote dunkle Mond,
50
eine blutige Thräne Gottes.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Richard Dehmel
(18631920)

* 18.11.1863 in Münchehofe, † 08.02.1920 in Blankenese

männlich, geb. Dehmel

Nationalökonom, deutscher Dichter und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.