Reicher war in Spanien Keiner

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Richard Fedor Leopold Dehmel: Reicher war in Spanien Keiner Titel entspricht 1. Vers(1891)

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Reicher war in Spanien Keiner
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als der Reichste von Sevilla,
3
als der reiche Ben Manasse,
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aller Juden Stolz und Trost.

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Denn schon lange ging ein Murren
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drohend durch die Christenschaaren
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ob der zähen Macht des Volkes,
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das den Heiland einst erwürgt.

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Doch das Gold des Ben Manasse
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grüßten selbst die Christen
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Und die Priester schwiegen noch.

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Schöner war in Spanien Keine
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als die Schönste von Sevilla,
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als des großen Juden Tochter,
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einz'ge, schöne, Sulamith.

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Und die Söhne ihres Stammes
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kamen weither sie umwerbend,
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emsig wie die Bienen schwirren
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um den Mandelblütenbaum.

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Aber
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denn es liebte sie ein Ritter,
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Don Alvaro de Niebla,
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denn den Ritter liebte

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ach, der fromme stolze Ritter
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haßte ihres Vaters Glauben
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und verachtete ihr Volk!

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Und weil sie so sehr ihn liebte,
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und weil Er so sehr sie drängte,
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nahm sie heimlich
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und nun hieß sie Margarita.

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Viel geweihtes Wasser floß schon
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damals über Judenstirnen;
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denn – die Furcht des Heil'gen Geistes
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tauft hinweg die Menschenfurcht.

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Und die Christen drohten lauter!
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nur die Fürsten schwiegen still noch
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vor dem Gold des Ben Manasse, –
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doch die Priester murrten schon.

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Er, der greise Jude selber,
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ob auch treu dem Gott der Väter,
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schaute oft voll tiefer Sorge
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auf sein liebes, einzig Kind.

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»sulamith, mein schutzlos Täubchen,
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willst du einen Mann nicht wählen
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aus den Söhnen deines Stammes,
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der ein sichres Nest dir baut?«

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Ach, mein Vater! nein, mein Vater!
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frage nicht! Ich kann nicht
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Die ich sah von unserm Stamme.
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Du, mein Vater, bist mein Schutz!

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»sulamith, mein einzig Kleinod,
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sieh: er ist sehr alt, dein Vater!
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Wirst du auch allein, verlassen
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treu dem Gott der Väter sein?!«

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O mein Gott, mein Gott –! Mein Vater,
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frage nicht! Ja, ja, ich schwöre:
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immer treu zu sein dem Glauben,

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»o du Leuchte meines Alters,
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o du Morgen meiner Tage,
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Sulamith, Tau meiner Nächte,
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Sulamith, – ich segne dich!«

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Weinend lag, so oft die Nacht sank,
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weil sie ihren Vater liebte,
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weil sie ihren Liebsten liebte,
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Margarita Sulamith.

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Und an jedem Abend wollte
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sie den Ritter bitten, mit ihr
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doch sie schwieg: er war so stolz.

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Und an jedem Morgen wollte
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Alles sie dem Vater
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doch sie konnt' ihn nicht betrüben,
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und sie schwieg: er war so alt.

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Ja, sie liebte ihren Vater,
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liebte mehr ihn, weil so gut er,
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mehr ihn, weil so fromm er glaubte,
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mehr, je mehr sie um ihn log.

77
Ja, sie liebte ihren Ritter,
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liebte mehr ihn, weil so stolz er,
79
mehr ihn, weil so heiß er glaubte,
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mehr, je mehr sie um ihn litt.

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Liebte
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liebte ihn, den Mann am Kreuze,
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liebt' ihn um sein großes Leiden,
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mehr, je mehr sie selber litt.

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Aber morgens, aber abends
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lächelte vor ihrem Vater,
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lächelte vor ihrem Liebsten
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Margarita Sulamith.

89
»margarita, meine Sehnsucht,
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siehst du wol den Mondschein beben
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um die weichen Wellenbrüste
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dort im Guadalquivir?!

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Margarita, meine Sehnsucht,
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siehst du dort den Abendfalter
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taumeln durch die Fliederblüte?
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Margarita,

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Ach, Alvaro! ach, ich seh' ihn
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in ein großes Feuer flattern.
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Ach, und sieh: der Mond verbirgt sich
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hinterm Turm des

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»margarita, dort im Dome
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wartet doch der
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Laß mich nun nicht länger
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Margarita!

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Oh, Alvaro – schone meiner!
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denk' an meinen alten Vater!
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laß uns warten – heimlich – bis er –
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bis – –, und scheu verstummte sie.

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»sag's nur! bis er
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stieß er zitternd durch die Zähne,
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stürzte wild er aus dem Garten, –
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und sie wankte blaß ins Haus.

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Und es kam auf stillen Sohlen
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durch die Sommerglut geschlichen
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nach Sevilla ein gefräßig
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katzenhaft Gespenst – die Pest.

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Auf den Gassen, in den Kammern
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lag zum Sprunge sie gekauert;
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und nun leckte sie die Fänge,
120
reckte sie zum üppigen Schmaus.

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Ueber tausend tausend Leiber
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spannte sie ihr bläulich Tischtuch;
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und das Mahl mit ihr zu teilen,
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kam ihr Bräutigam – der Tod.

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Tag und Nacht sie gierig schwelgten;
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rings die Leichenfeuer brannten,
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ihres grausen Liebesfestes
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Hochzeitsfackeln, – Tag und Nacht.

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Und der geile Bund ward fruchtbar:
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aus dem Schooß der Pest gekrochen
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kam ans Licht ein blindgeboren
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gräulich Vampyrzwillingspaar, –
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und es hob sich in die Lüfte,
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hakte sich in alle Ohren,
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kroch durch alle Christenherzen:
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blinde

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Schwirrend durch ganz Spanien flog es, –
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und es zischelten die Priester,
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und es raunten auch die Fürsten,
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und es knirschte wild das Volk:

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Drückt sie tot, die Judennattern!
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sie vergiften uns die Brunnen!
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Die den Heiland einst gekreuzigt,
144
wollen würgen nun auch Uns!

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Gier'ger immer fraß die Pest noch;
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unter Christen, unter Juden
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wütete ihr großer Hunger;
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fraß und fraß und ward nicht satt.

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Hielt im Bann den Haß der Christen,
150
hielt im Bann das Gold der Juden;
151
Jeder floh die Hand des Andern,
152
Freund den Freund, und Feind den Feind.

153
Kind verschloß sich vor dem Vater,
154
Weib verschloß sich vor dem Manne, –
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nur die Leichenknechte karrten
156
beutelüstern durch die Stadt.

157
Denn durch alle Schlösser langte,
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durch die Bretterthür der Hütte,
159
durch das Eisenthor der Steinburg,
160
mit der Krallenfaust die Pest;

161
langte durch die rissige Lehmwand,
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langte durch die Marmormauer, –
163
und der große Ben Manasse
164
war

165
In dem hohen Prunkgemache
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auf den seidnen Polsterpfühlen
167
wälzte sich in Fieberschauern
168
einsam Spaniens reichster Mann.

169
Sein Gesinde all verbarg sich,
170
seit den Hauch der Pest es spürte;
171
seinem Kind befahl er selber,
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fern zu bleiben seinem Leib.

173
Nur der alte treue Asser
174
lugte manchmal durch den Thürspalt,
175
reichte seinem Herrn an langer
176
Stange hastig Wein und Brot.

177
Sieben Tage schon in Qualen
178
wand sich einsam Ben Manasse,
179
sieben Tage schon in Aengsten
180
um sein einzig, schutzlos Kind.

181
Immer in den wilden Träumen
182
sah er in ein großes Feuer
183
sein gehetztes Täubchen flattern
184
vor der Wut des Christenvolks.

185
Nein, o Qual! das Feuer brannte
186
in ihm selber! immer wilder!
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nagte heiß an allen Knochen,
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züngelte schon um sein Herz.

189
Wehe, wie es zuckend glühte –!
190
»wehe, weh! mein
191
Herr, Du bist ein Gott der Juden –
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Herr, und bist der Christen Gott!

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Herr, o Herr! du siehst das Herz nur!
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Herr, sie ist mein einzig Kleinod!
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Herr, mein Gott, verzeihe mir –

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Asser, hörst du –? Gott, ich sterbe!
197
Asser – aber nicht herein hier –
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Asser, – rufe mir – mein Kind!«

199
Vor dem hohen Prunkgemache
200
lehnte bleich in wirrem Brüten,
201
ihres Vaters Tod belauschend,
202
Margarita Sulamith.

203
War er nicht sehr alt, ihr Vater?!
204
war sie jung nicht und voll Liebe?!
205
war er nicht ein starrer Jude?!
206
war Alvaro nicht ihr Glück?!

207
Aber Jammer, wie er stöhnte!
208
wie er wimmernd drinnen raste,
209
wie er auf den Knieen rutschte,
210
röchelte zu seinem Gott!

211
Da: was war das? Heil'ge Jungfrau,
212
Da, wer schrie das: Ja, Jehovah,
213
Du bist auch der Christen Gott –!

214
O mein Heiland, o mein Vater!
215
Jesus, – jetzt ein Winseln – Kratzen:
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»sulamith, du
217
Sulamith, vernimmst du mich?

218
Sulamith, die Christen kommen!
219
Sulamith, mein schutzlos Täubchen,
220
Sulamith – geh, – laß dich – taufen!
221
Herr, verzeih mir! räche nicht!«

222
Da riß taumelnd sie die Thür auf,
223
fort den alten Diener stieß sie,
224
stürzte nieder zu dem Juden:
225
»vater, Vater, o vergieb!

226
Wenn ich's gleich nicht wert bin, Vater!
227
Ach, er bat so! mein Alvaro!
228
Christin
229
Vater, daß ich dich betrog!«

230
oh Jehovah, Deine Rache! –
231
»vater, Vater, meine Thränen!
232
meine Reue –!

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Und in heißer Kindesliebe
234
weinend mit dem Vater rang sie,
235
küßte die geballten Fäuste,
236
küßte den verzerrten Mund, –

237
bis die pestzerfreßnen Finger
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segnend um ihr Haupt sich legten,
239
bis er mit den blauen Lippen
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Segen hauchte – und verschied.

241
Zu den Füßen Don Alvaro's
242
krümmte sich der alte Asser:
243
»herr! das – Mädchen, das Euch liebet,

244
Herr, mein Heiland, Margarita –!
245
Doch er schlug nicht; stieren Auges
246
schwankte er dem Alten nach.

247
Dreimal kam und ging die Sonne.
248
An dem Lager Margaritas
249
kniete schlaflos Don Alvaro.
250
Dreimal kam und ging der Mond.

251
Wild mit seinem Gotte rang er
252
um das eine eine Leben,
253
das er liebte –; furchtbar scholl sein
254
Beten durch die öde Nacht.

255
»oh, Alvaro, bete nichtmehr!
256
küsse, küsse mich! ich sterbe.«
257
Nein,

258
Fluch ihm, ewig Fluch dem Juden,
259
der im Tod sein Kind noch würgte!
260
»weh, Alvaro! weh, was thust du!
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wehe –!« und ihr Auge brach.

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Tot –? Da fuhr der Wahnsinn in ihn.
263
»tot? nein, nein, du lebst! du lebst ja!«
264
Brünstig ihren Leib umschloß er,
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preßte zu ihr sich ins Bett:

266
»margarita, meine Sehnsucht,
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hörst du? küsse mich! o sprich doch!
268
küsse, küsse mich zu Tode!

269
Sieben Tage, sieben Nächte
270
hielt den Leichnam er umklammert,
271
kos'te die verwesten Glieder,
272
kos'te den zerfallnen Mund.

273
Sieben Tage, sieben Nächte
274
schrie er tobend seinen Gott an,
275
ihn zu töten; – grausig gellte
276
durch Sevilla sein Gebet.

277
Und dazwischen, gräßlich lästernd,
278
fluchte er dem toten Juden, –
279
selbst die frechen Leichenknechte
280
flohn entsetzt vor seiner Wut.

281
Bis am achten Tage endlich
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aus der Stadt die Pest gesättigt
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mit dem Tod vondannen keuchte.
284
Aber

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Vor dem Kruzifix, gesundet,
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lag zum Ersten Mal er wieder;
287
aus dem düstern Auge lohte
288
himmelauf ein stummer Schwur.

289
Zehen volle Monde trug er
290
dann die Martern schwerster Buße,
291
geißelte die welken Glieder,
292
fastete den matten Leib.

293
Bis es mählich stille wurde,
294
das verbuhlte wilde Herze;
295
dann sein Gut den Armen gab er,
296
und ging hin und ward ein Mönch.

297
Und zog aus auf alle Gassen,
298
predigte auf allen Plätzen,
299
predigte in allen Kirchen,
300
predigte vor jedem Haus, –

301
bis es durch ganz Spanien brauste:
302
Drückt sie tot, die Judenpestbrut,
303
die den Heiland uns gekreuzigt,
304
die ein Fluch der Christenheit!

305
bis die Fürsten in Gesetzen
306
vor den Juden Spanien schützten,
307
bis ihr Blut zum Himmel rauchte,
308
bis sie wichen aus dem Reich.

309
Und so reinigte vom Aussatz
310
seine holde Heimaterde,
311
ward ein Retter seines Volkes –

312
ward
313
Spaniens großer Judenhasser,
314
Spaniens erster Judenwürger:
315
Don Alvaro de Niebla.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Richard Dehmel
(18631920)

* 18.11.1863 in Münchehofe, † 08.02.1920 in Blankenese

männlich, geb. Dehmel

Nationalökonom, deutscher Dichter und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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