Jesus in Gethsemane

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Richard Fedor Leopold Dehmel: Jesus in Gethsemane (1891)

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Lautlos ruhet, starr der Dom der Palmen,
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schaun zum Mond die Schatten aus den Halmen,
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weint die blauen Thränen still die Nacht.
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Nur von heißen Menschenlauten schauert
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dumpf der stumme starre Hain – und schauert:
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einsam kniet und bebt und trauert
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dort ein Mann und stöhnt mit weher Macht.

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Höre, höre, Geist der Wahrheit,
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meine Reue, meine dunkle Schuld:
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der in Kampf ich wandelte und Starrheit,
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Ach, ein Baum des Lichtes wollt' ich leben
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übermächtig der Natur:
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ach, sie sahn nicht Jesu
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sahn die

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Uebermenschlich hab' ich mich
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und
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Einer, Er nur wußte – – Judas! Freund!
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warum – hast du – mich – verraten?!
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könnt' ich
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Menschen menschlich
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meiner

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Und zum Mond die Arme wild gebreitet
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und das Auge qualentief geweitet,
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seine heißen Blicke schmachtend irr'n.
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Und herab die bleiche Bahn der Strahlen
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sieht er
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durch die Schatten ihm die fahlen
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Dolche bohrend in die glühende Stirn.

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Wehe, wehe, Geist der Liebe:
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ganz in Reinheit thronst du klar und hoch, –
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und ich
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Schwerter stieß ich in die weichsten Herzen:
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doch die Mutter ringet drob in Schmerzen
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und mit sehnsuchtwundem Herzen
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weint um mich die Magdalenerin!

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Nackt und bloß, und nur ein Menschensohn,
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wollt' ich sammeln all mein arm Geschlecht;
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doch: im Mitleid schläft die
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weh:
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Judas, Judas, kommst du mich zu
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heißt
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Muß denn diese Welt sich erst vernichten,
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der Erlösung Reich emporzurichten?
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Freiheit, lebst du im Gewissen bloß?!

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Und aufs Antlitz zagend hingezwungen,
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fühlt er heftiger die Anfechtungen,
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und von Schweiß die Dulderstirne trieft.
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Und ins Gras wie Blut die großen Tropfen
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fühlt er brennend von den Schläfen tropfen,
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an den Leib der Erde klopfen
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seine Seele furcht-und-angstgeprüft.

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Geist des Lebens: Klarheit, Klarheit!
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wird denn Sieg um Opfer nur gewährt?!
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Sieh, es kommt der
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Selig, meiner Inbrunst mich zu töten,
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eine Lebensleuchte wollt' ich stehn, –
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aber jetzt in Todesnöten
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sieh mich zittern, sieh mich beten:
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laß den Kelch an mir

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Allzu willig war dem Fleisch mein Geist, –
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weh:
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sollen Tausend um den Einen bluten,
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diese Erde stehn durch mich verwaist?! –
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Nein, ich fühl' es:
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dunkler Geist, der
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Du des Lebens,

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Und verzückt er lauscht – und sieht erglühen
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fern die Nacht der Bäume: Fackeln sprühen,
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durch die Schatten dumpfe Laute nah'n.
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Und verklärt den Seherblick gehoben,
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steht und hört er seiner Häscher Toben,
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und ein Lächeln schluchzt nach Oben:
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»judas, komm! ich – schreite –

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Richard Dehmel
(18631920)

* 18.11.1863 in Münchehofe, † 08.02.1920 in Blankenese

männlich, geb. Dehmel

Nationalökonom, deutscher Dichter und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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